Seit September 2020 leitet Dr. Gisela Erdin gemeinsam mit Prof. Dr. Christiane Drechsler den Masterstudiengang „Beratung und Leitung im heilpädagogischen und inklusiven Feld“ der Alanus Hochschule am Studienzentrum in Mannheim. Im Interview erzählt sie uns von den Besonderheiten des neuen Masters, der sich durch die praktische Vermittlung vielseitiger Kommunikationskompetenzen im heilpädagogischen und inklusiven Feld auszeichnet.

Sehr geehrte Frau Dr. Erdin, im Jahr 2013 haben Sie als Dozentin für Heilpädagogik an der Alanus Hochschule Ihre wissenschaftliche Karriere begonnen. 2015 promovierten Sie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen zur organisierten Betreuung von Menschen mit Unterstützungsbedarf. Doch bereits lange zuvor waren Sie Heilpädagogin mit Leib und Seele: Unter anderem haben Sie über mehrere Jahre als Leitung in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen gearbeitet.
Sie konnten somit reichlich Erfahrung sowohl in der Betreuung, als auch in der heilpädagogischen Forschung und Lehre sammeln. Was haben Sie vor diesem Hintergrund bei der Konzeption des neuen Masterstudiengangs als besonders bedeutend empfunden?

GE: Mir persönlich war es wichtig, etwas Neues entstehen zu lassen, was es so in der Hochschullandschaft bisher noch nicht gibt. Eine Besonderheit in unserem Master ist die in das Studium eingeschlossene Beraterausbildung: Unsere Studierenden sind nach Abschluss ihres Masters professionell ausgebildet in der personenzentrierten Beratung im heilpädagogischen und inklusiven Feld. Dies wird auch vom Berufsverband für personenzentrierte Psychotherapie und Beratung anerkannt und zertifiziert. Die Absolvent*innen können sich so anschließend auch als Berater*innen selbstständig machen.
Darüber hinaus qualifiziert der Master zur Leitung in heilpädagogischen bzw. inklusiven Einrichtungen: zur Leitung im mittleren Management, bspw. zur Wohnheimleitung oder Teamleitung, und zur Entwicklung und Implementierung neuer Konzepte.

Was möchten Sie Ihren Studierenden insbesondere vermitteln und für ihre berufliche Praxis mit auf den Weg geben?

GE: Tatsächlich waren es die Studierenden selbst, die mich auf die Idee brachten und dazu bewegten, einen neuen Masterstudiengang zu erarbeiten. Viele von ihnen waren nach Abschluss ihres Studiums in ihrem Beruf auf Fragen gestoßen, auf die sie eine Antwort suchten. Sie wollten gerne weiterstudieren.

Ich persönlich glaube, dass die Ausbildung in der Beratung, also die Fähigkeit zur professionellen Gesprächsführung zwischen verschiedenen Menschengruppen, im Bereich der Heilpädagogik und Inklusion von enormer Bedeutung ist. Damit meine ich eine Form von Beratung, die psychologisch unterstützt, sodass eine gemeinsame Begegnung zwischen bspw. Klienten, Angehörigen und Betreuenden stattfinden kann, in der sich jeder verstanden fühlt. Beratung hilft, sich selber zu verstehen und sein Gegenüber zu verstehen. Nur so kann Zusammenarbeit und Zusammenleben gelingen. Ich selbst hatte nach meinem Studium der Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie ebenfalls einen Master in personenzentrierter Beratung angehängt, der mir in meinem Berufsleben sehr geholfen hat.

Ein weiterer Aspekt, den ich für sehr wichtig halte und den Studierenden vermitteln möchte, ist die Förderung der Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen. Diese Form von Verständigung, wo keine Lautsprache vorhanden ist, wird in der Heilpädagogik bislang noch wenig thematisiert und erforscht. Im Bereich der Psychotherapie gibt es zahlreiche Studien zum Thema Körper und Körpersprache. Bei Menschen mit geistiger Behinderung wird der Körper jedoch noch häufig tabuisiert. Es wird eine Spaltung zwischen Körper und Geist vollzogen. Unser Körper ist aber ein Teil von uns, wir müssen uns mit ihm befreunden, uns beheimaten. Unser Körper hilft uns, auch bei der Kommunikation. Gerade, wenn nonverbale Kommunikation besonders gefordert ist.

‚Gestützte Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen‘ ist auch eines Ihrer großen Forschungsthemen, zu dem Sie in Kürze ein Buch veröffentlichen werden. Gibt es für Sie Forschungsfelder oder Arbeitsbereiche, die Ihnen besonders viel Freude bereiten bzw. bereitet haben?

GE: In den Anfängen meines Berufslebens war ich ja zunächst in der Betreuung von Menschen mit Behinderung als Gruppenleitung und später als Wohnheimleitung tätig. Was mich schon immer interessierte, war der Zusammenhang von allem: Wie ist die Organisation gestaltet, können die Klienten mitgestalten und mitbestimmen? Ich habe damals ein Bewohnerparlament mit Delegierten gegründet. Eine demokratische Zusammenarbeit ist mir sehr wichtig.
Ich bin sehr froh, diese Erfahrung in der Betreuung gemacht zu haben, sonst könnte ich heute nicht so gut lehren. Ich möchte auch praktische Beispiele einbringen können. Eine enge Verknüpfung von Praxis und Theorie ist mir generell sehr wichtig, auch innerhalb meiner Forschung.
Ich habe sehr gerne als Heimleitung gearbeitet – und arbeite nun ebenso gerne in der Lehre und Forschung. Aber für mich ist es auch sehr schlüssig, meinen Weg genau so gegangen zu sein und zunächst eigene Erfahrungen gesammelt zu haben.

Das Semester startete dieses Jahr mitten in der Corona-Zeit. Wie gehen Sie im Seminar mit der Situation um?

GE: Unser Studiengang hat diesen September mit 16 Teilnehmer*innen gestartet. Es ist fast ein kleines Wunder, dass der Beginn genau in die Zeit fiel, in der die Corona-Regelungen gelockert wurden und die ersten drei Wochenendseminare so in Präsenz stattfinden konnten. Unser Studiengang ist ja berufsbegleitend konzipiert, sodass wir uns immer Freitag und Samstag treffen.
Das Studium enthält viele Übungen und Selbsterfahrungselemente, es geht um die Verknüpfung von Theorie und Praxis – das haben sich sowohl die Studierenden als auch ich mir so gewünscht. Wir üben bspw. die Gesprächsführung und Beratersituationen in Rollenspielen. Oftmals bringen die Studierenden eigene Beispiele aus der Praxis mit ein.
Nun läuft es digital weiter. Hier vermitteln wir mehr Theorie, manche Übungen sind jedoch auch über die Ferne möglich oder die Studierenden tun sich für das Seminar zu zweit zusammen.

Als Mutter von fünf Kindern, ehemalige Heimleitung, Dozentin und nun Studiengangleitung legen Sie in Ihrem Leben schon lange den Fokus auf die Unterstützung und das Wohlergehen Ihrer Mitmenschen. Wie gelingt es Ihnen, dass Sie selbst dabei nicht zu kurz kommen?

GE: Wenn man mit Menschen in den Dialog geht, bekommt man auch viel zurück. Ich habe viel von meinen Klienten gelernt, nun lerne ich viel von meinen Studierenden. Die persönlichen Begegnungen geben mir viel Kraft.
Mitunter bin auch ich müde. Aber ich habe meine Techniken und Übungen, um mich wieder zu stabilisieren und neue Kraft zu tanken. Sein Bewusstsein selber lenken zu können, das ist eine Fähigkeit, die man als Heilpädagogin können muss. In sich Ruhe zu finden – das ist auch Thema in unseren Lehrveranstaltungen.

Ganz herzlichen Dank für das Interview, liebe Frau Dr. Erdin, und gutes Gelingen mit Ihrem neuen Studiengang!