Liebe Frau Brunk, wir gratulieren Ihnen herzlich zum Geburtstag der DMtG! Vor genau 10 Jahren hat sich die Fachgesellschaft für Musiktherapie mit dem Berufsverband der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in Deutschland (BVM) zusammengetan. Wie genau kam es zu diesem gemeinsamen Engagement und welche Funktionen übernimmt die Gesellschaft seither?

JB: Man merkte damals, dass es für die drängenden berufspolitischen Anliegen einer gemeinsamen starken Stimme bedurfte. Die Vielzahl der musiktherapeutischen Verbände war dafür nicht geeignet. Die Verschmelzung von Berufsverband BVM und Fachgesellschaft DGMT unter Mitwirkung der Vereinigung zur Förderung der Nordoff/Robbins-Musiktherapie zur methodenübergreifenden Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft war da nur folgerichtig, denn es entstand die größte schulenübergreifende Interessensvertretung für MusiktherapeutInnen in Deutschland. Wir sehen unsere Arbeitsschwerpunkte einerseits in der Bearbeitung und Durchsetzung berufspolitischer Anliegen und andererseits in der weiteren Implementierung der Methode in das Deutsche Gesundheitssystem, was zum Beispiel durch die Mitarbeit in Dachverbänden und relevanten Fachgesellschaften und über die Mitgestaltung wichtiger Leitlinienprozesse realisiert wird. Auch die Etablierung der DMtG als Ansprechpartner für alle Belange rund um professionelle Musiktherapie und eine moderne Öffentlichkeitsarbeit zähle ich dazu.

Eines Ihrer großen Ziele ist es, die Ausbildungen für Musiktherapie deutschlandweit vergleichbar zu machen. Leider mehren sich in der Hochschullandschaft derzeit die Hiobsbotschaften: So wurde zum Beispiel der Masterstudiengang ‚Klinische Musiktherapie‘ der WWU Münster seit dem Wintersemester 2015/2016 eingestellt. Wie positioniert sich hier die DMtG? 

JB: Hier bilden viele Faktoren eine komplexe Situation, die sicher nicht optimal ist. Die bestehenden Hochschulstrukturen, die Musiktherapie in der (kostenpflichtigen) Weiterbildung ansiedeln, haben sicher ihren Anteil an der schwierigen Lage, in der sich die Ausbildungen befinden. Wann immer wir etwas für den Erhalt bestehender Ausbildungsstrukturen tun können, tun wir dies.
Zuletzt haben wir im zuständigen Ministerium in Baden-Württemberg auf Gespräche gedrängt, die zu einer bestandssichernden Lösung führen sollen. Hier muss man die Prozesse abwarten.
Letztlich sollte man die Situation vom Ende her denken. Mit besseren beruflichen Perspektiven, z.B. durch ein eigenes Berufsrecht für Künstlerische TherapeutInnen, gelänge es sicher um einiges besser, Interessierte für eine Ausbildung in diesem spannenden Berufsfeld zu finden. Hier müssen wir ansetzen.

Als DMtG haben Sie das Zertifikat „Musiktherapeut/in“ ins Leben gerufen, um die Musiktherapie zu professionalisieren und an die Standards anderer Berufsgruppen wie zum Beispiel den Psychotherapeuten anzupassen. Das kommt besonders der neuen Generation der Musiktherapeuten zugute. Warum meinen Sie sollte ich mich auch als bereits berufstätiger Musiktherapeut in meiner Arbeit zertifizieren lassen?

JB: Weil Sie damit einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung des Berufsstandes leisten! Es reicht nicht, sich auf dem Wissen einer vor Jahren abgeschlossenen Ausbildung auszuruhen. Lebenslanges Lernen zählt heute zu den wichtigsten Kompetenzen in der Arbeitswelt, warum sollten für uns andere Maßstäbe gelten, als sie an PsychotherapeutInnen angelegt werden, mit denen wir uns so gern vergleichen? Mit der Zertifizierung bekennen Sie sich zur Fortbildungsverpflichtung und zu ethischen Richtlinien für die eigene therapeutische Tätigkeit. Das sind Selbstverständlichkeiten für gesetzlich geregelte Gesundheitsberufe. Wir sollten uns daran orientieren, solange die Musiktherapie keine staatlichen Regelwerke hat. Durch die Zertifizierung haben wir ein Instrument der Qualitätssicherung installiert, das PatientInnen die Sicherheit gewährt, die sie zu Recht erwarten.

Wie Sie bereits erwähnten, stellt die Etablierung der Musiktherapie im Gesundheitswesen einen der bedeutendsten Belange der DMtG dar. Hier arbeiten Sie u.a. eng mit der 2014 gegründeten Bundesarbeitsgemeinschaft Künstlerischer Therapien (BAGKT) zusammen. Gibt es Neuigkeiten bezüglich des gemeinschaftlichen Engagements?

JB: Die Arbeit in der BAG KT läuft sehr kontinuierlich, nicht zuletzt durch die engagierte Vorstandsarbeit, die Beatrix Evers-Grewe (ebenfalls in der DMtG Beisitzerin im Vorstand) dort leistet. Die Erstellung eines gemeinsamen Berufsbildes ist nahezu vollendet, damit liegt dann ein wichtiger Baustein für zukünftige berufsrechtliche Regelungen vor. Schwieriger wird es wohl, gemeinsame Ausbildungsstandards zu formulieren, aber wir können auch hier zuversichtlich sein, denn die Notwendigkeit einer Homogenisierung innerhalb der Profession der künstlerischen TherapeutInnen ist unumgänglich und wird von allen Verbänden geteilt. Die BAG KT versteht sich zunehmend als Dachverband für die berufspolitischen Anliegen der Berufsgruppe, während es inzwischen auch eine wissenschaftliche Fachgesellschaft für Künstlerische Therapien (WFKT) gibt, die die Aufgaben einer Fachgesellschaft u.a. durch die geplante Herausgabe eines Online-Journals wahrnehmen wird. Letzte kann übrigens noch engagierte, an wissenschaftlicher Arbeit interessierte MitstreiterInnen aus allen Fachbereichen gebrauchen.

Die Jubiläumsfeier der DMtG wird am 10. November 2018 in Berlin stattfinden. Sie haben uns bereits verraten, dass sich das Programm des Festakts insbesondere auf die Zukunft fokussieren wird – was sind Ihre Wünsche für die Musiktherapie in den kommenden zehn Jahren?

JB: Ach, da gibt es Einiges. Ganz vorn steht bei mir die Geschlossenheit. Auf dass es gelingt, die berufspolitische Interessensvertretung qualifizierter MusiktherapeutInnen komplett in der DMtG abzubilden, ganz unabhängig vom Fortbestand methodisch orientierter Vereine. Berufspolitik braucht Einheitlichkeit, Musiktherapie braucht Vielfalt. Oder vereinfacht: Einheit nach außen und Vielfalt nach innen.
Und ich wünsche der Musiktherapie ganz unbescheiden eine gesteigerte gesellschaftliche Akzeptanz, sichtbar in den entsprechenden Rahmenbedingungen, die die Politik bis dahin geschaffen hat. Klingt nach viel Arbeit für die nächsten zehn Jahre … Zunächst aber bin ich gespannt, welche Perspektiven die Podiumsdiskutanten im Rahmen unseres Festaktes entwickeln werden.

Ganz herzlichen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft, liebe Frau Brunk!