In unserem Jubiläumsjahr lassen wir Menschen zu Wort, die der Stiftung in den vergangenen 30 Jahren auf besondere Art und Weise verbunden waren. Dieses Mal stellt sich unser ehemaliges Beiratsmitglied und Professorin für Musiktherapie Dr. Susanne Metzner unseren Fragen u.a. rund um ihr Engagement für unsere Stiftung, ihre Biografie und ihr Faible für neue Orte.

Liebe Frau Prof. Metzner, von 2006 bis 2013 waren Sie Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Kind Stiftung und haben die Arbeit unserer Stiftung bedeutend mitgeprägt. Erzählen Sie uns, wie es dazu gekommen ist?

SM: Ich hörte erstmals über die Stiftung von Monika Nöcker-Ribeaupierre, mit der ich zusammen studiert habe. Und dann bekam ich mit, dass ein neues Mitglied für den wissenschaftlichen Beirat gesucht wurde und bewarb mich um die Mitarbeit, weil ich glaubte, dass mein nahegelegener Wohnort praktisch sei und vielleicht auch meine Kompetenz gebraucht werden könnte. Diese Bewerbung ist dann versehentlich untergegangen, aber ein Jahr später wurde ich von Herrn Kind eingeladen mitzuarbeiten. Ich habe dann gerne einfach zugesagt.

Und haben es hoffentlich nicht bereut …? Was ist Ihnen bezüglich Ihrer Tätigkeit als Beirätin besonders in Erinnerung geblieben?

SM: Natürlich nicht! Für mich waren es sieben reiche Jahre. Ich bekam Einblick in zahlreiche sehr innovative Förderanträge von sehr engagierten Menschen. Es gab ausführliche und sachorientierte Diskussionen im Beirat und mit den Gesellschaftern und das Wichtigste: all dies in einer sehr angenehmen und kreativen Atmosphäre. Stets stand der Mensch im Mittelpunkt, der Mensch in seinem Wunsch nach Entwicklung, nach Erkenntnis und nach Gesehenwerden. Natürlich ist bei einer Stiftung immer auch die Relation von Investition und möglichen Ergebnissen im Blickfeld, aber im Vergleich zu anderen Förderinstitutionen waren bei der Bearbeitung der Anträge nicht Strenge oder Restriktion, sondern Großzügigkeit leitend. So etwas ist heutzutage extrem selten und neben mir können sich viele weitere Menschen, besonders natürlich die Geförderten, glücklich schätzen, etwas davon mitbekommen zu haben. Sicher ist es zu allererst die Stifterfamilie, die dies so gestaltet hat, aber wenn ich es recht bedenke, so war es für mich wohl am meisten Anja Hauser, die auf ganz einzigartige Weise die Philosophie der Stiftung verkörpert hat.

Ich möchte gerne auf Ihren persönlichen Werdegang zu sprechen kommen. Sie haben 1979 zunächst Sozialpädagogik in Berlin studiert und knappe zehn Jahre später ihr Diplom in Musiktherapie in Hamburg erhalten. Darüber hinaus sind Sie Diplom-Blockflötistin und haben kurz nach ihrer Promotion zum Doctor Scientiae Musicae (1998) eine Approbation als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin erlangt. Parallel begannen Sie Ihre Professur an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg (1991-2002) und wechselten dann für 15 Jahre an die Hochschule Magdeburg-Stendal, wo Sie u.a. die Leitung für den Masterstudiengang ‚Methoden musiktherapeutischer Forschung und Praxis’ übernahmen. An der Medizinischen Fakultät der Universität Magdeburg haben Sie zudem habilitiert. Seit 2016 sind Sie Professorin für Musiktherapie an der Universität Augsburg und leiten dort den Masterstudiengang Musiktherapie. Das klingt nach einem sehr ambitionierten wissenschaftlichen Ausbildungs- und Karriereweg. Was hat Sie bei all Ihren Schritten besonders motiviert?

SM: Ich könnte nicht sagen, dass ich mir diesen Weg genau so vorgenommen hätte, zumal reichlich Zickzackbewegungen darin sind, sowohl was die Berufe angeht als auch die Regionen und Institutionen. Ich habe ja auch noch lange Zeit praktisch gearbeitet – 8 Jahre als Sozialpädagogin in einer Kirchengemeinde und 13 Jahre als Musiktherapeutin in freier Praxis sowie in der Erwachsenenpsychiatrie. Rückwirkend betrachtet folgte ein Schritt irgendwie logisch auf den anderen. Man nimmt ja eigentlich auch immer nur die nächste Treppenstufe und erst die Summe macht dann so etwas wie einen „steilen“ Weg. Wenn ich ganz weit zurückdenke, so wollte ich als Kind immer Lehrerin werden, und am Ende bin ich es dann auch geworden. In diesem Jahr hatte ich mein 30-jähriges Jubiläum als Hochschullehrerin und mein 40-jähriges Jubiläum im öffentlichen Dienst. Als die Präsidentin der Uni Augsburg ankündigte, mir die betreffende Urkunde überreichen zu wollen, habe ich erst gezuckt – und dann herzlich gelacht!

Ihre Studienzeit spielte sich hauptsächlich in den Achtziger Jahren ab. Seitdem hat sich die Hochschullandschaft in Deutschland stark verändert. Was sagen Sie zur heutigen Studien- und Ausbildungssituation des Fachs Musiktherapie? 

SM: Die Weiterentwicklungen der Musiktherapie sowohl in methodischer als auch in wissenschaftlicher Hinsicht spiegeln sich in den heutigen Ausbildungen, zumindest in denen, die man berufsqualifizierend nennen kann. Bachelor- und Masterstudiengänge haben sich curricular und didaktisch sehr viel weiterentwickelt. Schulenstreitigkeiten sind beigelegt, und die Lehrenden verfügen inzwischen über reichlich Erfahrung darin, wie es gelingen kann, an staatlichen Hochschulen Therapeut*innen auszubilden. Wir kennen die Fußangeln zwischen wissenschaftlich-fachlicher Ausbildung und individueller Persönlichkeitsentwicklung. Hier haben wir einen deutlichen Vorsprung z. B. vor der neuen Direktausbildung Psychotherapie. Gleichzeitig geht die (ja wünschenswerte) Definition von disziplinären Ausbildungsstandards oder Fortbildungsverpflichtungen sowie die durch empirische Forschung erstrebte Legitimation im Gesundheitswesen wohl auch auf Kosten von dem, was wir früher als kreative Vielfalt ungewöhnlicher Persönlichkeiten in unserer Profession sehen konnten. Dies ist sicher auch Spiegel einer Entwicklung in allen Heilberufen, geht aber zu Lasten von den Menschen, die Behandlung suchen, denn sie sind ja oft auch ungewöhnliche Persönlichkeiten. Die an Universitäten geltenden Regeln und Standards einzuhalten und den Student*innen gleichzeitig individuelle Spielräume zu ermöglichen, gehört heute viel mehr als damals zu den echten Herausforderungen in der musiktherapeutischen Hochschullehre.

Welchen musiktherapeutischen Praxis- oder Forschungsthemen widmen Sie sich derzeit bzw. würden Sie sich in Zukunft gerne widmen?

SM: Meine Schwerpunkte sind ja die Musik-imaginative Schmerzbehandlung und die psychodynamisch orientierte Musiktherapie bei Psychosen. In beiden Feldern habe ich bereits geforscht und würde das gern auch fortführen und intensivieren. Schwierig ist, Studientherapeut*innen zu finden, die sich neben dem oft anstrengenden Berufsalltag auch für die Forschung interessieren. Eine weitere Herausforderung ist zudem die Generierung von Forschungsgeldern. Selbst wenn es passende Ausschreibungen gibt, braucht man so etwas wie die kritische Masse an Personal und an Vorleistungen, was in einem sog. Kleinen Fach nicht so leicht zu erbringen ist. Hier tut sich jedoch inzwischen einiges z. B. in Form von Multicenterstudien. Voraussetzung dafür ist, dass Musiktherapeut*innen nicht wie früher immer nur ihr eigenes Thema bearbeiten wollen, sondern inzwischen viel mehr in der Lage sind, in einem Team zu kooperieren. Wenn ich mir also etwas wünschen könnte: ich würde gern die Prozessforschung in der Psychosentherapie weiter voranbringen und dies mit Outcomeforschung kombinieren, denn ich bin überzeugt, dass wir hier ein Feld haben, in dem die Musiktherapie nicht nur eine Möglichkeit unter mehreren anderen ist, sondern womöglich die psychotherapeutische Behandlung der Wahl ist.

Ihrer Biografie lässt sich entnehmen, dass Sie sich weder vor neuen Forschungsfeldern, noch vor Ortswechseln scheuen. Neben ihren innerdeutschen Umzügen von Berlin über Hamburg nach Magdeburg und zuletzt Augsburg haben Sie in den vergangenen Jahren zahlreiche Lehraufträge im Ausland angenommen haben, u. a. in Norwegen, Israel, Dänemark, Südkorea, Belgien und den USA. Was reizt Sie besonders daran, sich auf neue Orte und Situationen einzulassen? 

SM: Eine der interessanten Erfahrungen ist, dass ich überall etwas anders bin und gleichzeitig überall dieselbe. Das klingt wie ein Widerspruch, ist es aber nicht. Es könnte jedoch sein, dass ich genau diese Erfahrung immer wieder auf’s Neue suche. Denn eigentlich wirft mich die Fremde doch auch auf mich selbst zurück. Ich merke ja bestimmte Eigenschaften, Angewohnheiten, Erwartungen von mir selbst erst, wenn ich mich dem Unbekannten aussetze. Das Faszinierende ist also immer die Begegnung und der Dialog. Wenn ich genau darüber nachdenke, dann könnte das aber eigentlich überall geschehen, auch in der Straße, in der ich wohne.

Gibt es einen Ort, an den Sie gerne wieder zurückkehren, vielleicht sogar irgendwann alt werden möchten?

SM: Zum Glück habe ich noch etwas Zeit, mir darüber schon Gedanken machen zu müssen. Aber ich mag es, mich in meiner eigenen Sprache ausdrücken zu können. Ich liebe auch den Geruch von warmem Sand in der Mark Brandenburg und das Glitzern der kleinen Seen. Oder die langsame Abenddämmerung im sommerlichen Schleswig-Holstein und den Zug der Kraniche. Oder vielleicht doch das Bimmeln der Kuhglocken in bayerischen Bergen und den Duft der Luft nach einem Landregen?

Ganz herzlichen Dank für den spannenden und offenen Austausch, liebe Frau Prof. Metzner! Wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft – wo auch immer Sie sie verbringen mögen!