Auf unserer Interimssitzung im Mai 2019 hat uns der Filmemacher Stefan Gieren mit der Kamera begleitet und einen kleinen Jubiläumsfilm gedreht. Hauptdarsteller war natürlich unser Stifter Hellmut Kind. Auszüge aus dem Gespräch zwischen Herrn Gieren und Herrn Kind geben Einblick in die Ursprünge der Stiftungsgründung vor 30 Jahren und die bewegte Lebensgeschichte unseres 96-jährigen Ehrenmitglieds.
 
Lieber Hellmut, was genau war die Motivation von dir und deiner Frau Gubille, den Themen Musiktherapie und Heilpädagogik mit der Stiftung diese Wirksamkeit zu geben?

HK: Ich war beruflich mit der Heilpädagogik sehr eng verbunden. Ich war 16 Jahre lang Professor für Heilpädagogik in Hamburg und habe dieses Thema an der Universität mit vielen Studenten durchgesprochen. Meine berufliche Vorgeschichte war vor allem durch meine Arbeit am Birkenhof geprägt. Als ich nach meiner Ausbildung zum Helpdagogen dort anfing, war der Hof noch ein halbfertiges Anwesen. Wir haben ein Heim daraus gebaut und 1953 begonnen, hier mit behinderten Kindern zu arbeiten.
Auch meine Frau Gubille hat auf dem Birkenhof mitgewirkt. Sie war Musikerin und hat im Birkenhof zusammen mit den Kindern mit Behinderung Musik gemacht. Das war für sie eine ganz neue Erfahrung: dass Kinder eben dadurch, dass sie selbstständig spielen und singen eine Förderung finden, die man mit anderen pädagogischen Mitteln gar nicht so leicht erreichen kann.

Da meine eigenen Kinder dann aber schulpflichtig wurden und es in Lüneburg zu dieser Zeit noch keine Waldorfschule gab, bin ich mit meiner Familie nach Hamburg gezogen. In Hamburg suchten sie gerade praktisch erfahrene Heilpädagogen für die Arbeit an der Hochschule. Das hing damit zusammen, dass dieser Zweig erst neu aufgebaut wurde und man noch keine Lehrer hatte. So wurde ich in Hamburg zum Professor für Heilpädagogik berufen.

Und als ich mit 65 Jahren in Pension ging, tauchte für mich und meine Frau die Frage auf: Was machen wir denn nun? Wir sind zunächst viel gereist. Etwas später sind wir unter anderem durch einen Aufsatz von Lutz Neugebauer in der Zeitschrift „Perspektiven“ zu den neuen Entwicklungen in der Musiktherapie sowie in Gesprächen mit vielen Menschen auf die Idee gekommen, dass wir ja eine Stiftung gründen und sie entsprechend unseren Bedürfnissen ausbauen könnten. Denn im Grunde gab es noch viel zu wenige heilpädagogische Einrichtungen. Und die Musiktherapie erschien uns durch unsere eigenen Erfahrungen in der musikalischen Arbeit mit Kindern am Birkenhof und die Wirkung der Musiktherapie auf unseren Sohn Andreas Tobias, der ja mit Down-Syndrom zur Welt kam, sehr förderwürdig. Wir gründeten also die Andreas Tobias Kind Stiftung. Tatsächlich wollten wir nicht allzu viele Einrichtungen unterstützen, sondern eher die Forschung auf diesem Gebiet, um so das wissenschaftliche Fundament zu sichern und zu verbreitern. Das ist für uns damals maßgeblich gewesen.

Ich freue mich vor allen Dingen, wie positiv der Nachklang dieser Arbeit heute ist. Das hängt sicher damit zusammen, dass meine Frau und ich eben zuerst die Praxis kennengelernt und uns anschließend überlegt haben, wie wir da etwas befestigen oder weiterentwickeln können, was unserer Meinung nach dringend notwendig ist. 

War dieser Bereich der Forschung damals noch eine Leerstelle? 

HK: Das fing gerade an. Lange war es so, dass Heilpädagogik eine Angelegenheit war, die zum Beispiel von der evangelischen Kirche in Jena in einer speziellen Einrichtung besonders gefördert wurde. Die anthroposophische Heilpädagogik war auch ein Zweig, der sich damals entwickelte. Entstanden war sie 1923, nachdem Rudolf Steiner einen entsprechenden Kurs gehalten hatte. Ich war in der Zeit nach dem Krieg eine Weile Praktikant am Michaelshof in Hepsisau, der von Albrecht Strohschein geleitet wurde, einer der Ur-Heilpädagogen der anthroposophischen Heilrichtung. Dort habe ich viel gelernt. Und später habe ich dann auch auf dem Sonnenhof in Arlesheim gearbeitet und auf diese Art und Weise viele Erfahrungen sammeln können.

Spielt die Anthroposophie eine große Rolle in der Stiftung?

HK: Nein, prinzipiell ist unsere Stiftung offen für alle heilpädagogischen und musiktherapeutischen Schulen. Gerade in den letzten Jahren fördern wir vermehrt Studien, die keinerlei anthroposophische Bezüge haben.Ich muss sagen, dass mir mit der Zeit klar wurde, dass die anthroposophische Heilpädagogik nicht alles kann. Die Anthroposophie hat sicher gute Ideen und menschlich wirklich starke Impulse gesetzt. Das ist ganz klar. Aber sie ist nicht so allwissend und so vollständig, dass man sagen kann: Nur Anthroposophie und sonst gar nichts. Sondern es gibt viele andere wichtige Dinge, die in der Anthroposophie am Anfang überhaupt keine Rolle gespielt haben. Ich denke dann immer an unsere Arbeit im Birkenhof: Damals hatten einige Mitarbeiter Schwierigkeiten mit Kindern und ich habe den Gedanken der Supervision angebracht. Das wurde strikt abgelehnt, mit der Begründung: „Wir haben den Schulungsweg. Wir brauchen nicht die Supervision.“ Inzwischen hat sich das geändert und die Supervision ist auch in der Anthroposophischen Heilpädagogik angekommen. Aber das war in meiner Zeit am Birkenhof bis 1970 gar nicht spruchreif. Dass man sich nicht selbst auf den Rücken gucken kann, ist nun eine anatomische Gegebenheit …
Ich habe mich dann damals dazu entschlossen, eine Zusatzausbildung in Psychoanalyse zu machen und habe vor allem auch dort an Wissen und Können dazugewonnen. Die anthroposophische Heilpädagogik und die Psychoanalyse bilden also die beiden Säulen, auf denen meine Arbeit ruht.

Welche Rolle hatte Musik für deine Familie?

HK: Das kann ich eigentlich gar nicht so festlegen. Ich bin natürlich nicht so sehr musikalisch aufgezogen wie meine Frau Gubille. Gubilles Vater war von Anfang an Berufsmusiker. Der Großvater war der Leiter eines Konservatoriums in Remscheid. Und die Mutter war begeisterte Klavierpianistin. Gubille selbst hat dann auch relativ früh angefangen, nicht nur selbst Musik zu machen, sondern auch Musik mit Kindern und für Kinder zu spielen. Das war einfach schön! Das war ein Teil unseres Lebens, den wir gepflegt haben ohne es uns gezielt vorzunehmen.

Warum habt ihr diese Stiftung nach Andreas Tobias benannt und für ihn gemacht?

HK: Wir wollten von Anfang an, dass die Stiftung nicht nur unsere private Angelegenheit wird. Wir wollten Kindern mit Behinderung bessere Unterstützung und Förderung ermöglichen und dann hatten wir ja eben selber den Andreas mit Down-Syndrom bekommen. Während wir noch im Birkenhof lebten, ist Andreas geboren. Zunächst bemerkten wir seine Behinderung gar nicht. Etwas später fiel uns auf, dass er sich doch in mancher Hinsicht anders entwickelte als andere Kinder, zum Beispiel, dass er nicht so sehr gezielt auf etwas losging. Sondern dass all seine Handlungen etwas spontaner waren. Dann haben wir ihn untersuchen lassen und es stellte sich heraus, dass er Down-Syndrom hat.
Als wir uns überlegten, eine Stiftung zu gründen, wollten wir es gerne Andreas Tobias zuliebe machen – und zudem neben ihm auch viele weitere Kinder und Erwachsene mit Behinderung fördern. Für Andreas war das schön und wichtig. Er nimmt teil an den Sitzungen der Stiftung, obwohl er oft nicht alles versteht. Aber er hat das Gefühl, dass ihn das etwas angeht und deswegen ist er ganz munter mit dabei und vor allen Dingen darf er natürlich immer ein Musikstück dirigieren, wenn die Tagungen zu Ende gehen, und das ist für ihn immer ganz besonders.

Bist du stolz darauf, was ihr erreicht habt in diesen 30 Jahren?

HK: Ich muss sagen, heute bin ich ganz überrascht über die menschliche Wirkung der Stiftung. Was da so alles an Resonanz gekommen ist, das hat mich wirklich bewegt. Damit habe ich so nicht gerechnet. ich fand das immer einen natürlichen weiteren Weg, den man gehen kann, wenn man das Glück hat, ein größeres Vermögen geerbt zu haben. Das war ja eine wichtige Bedingung, dass ich durch meine Familie einen guten Start für solche Dinge liefern konnte.

Aber damit fängt ja die Arbeit ja eigentlich erst an …

HK: Das ist richtig. In den ersten zehn Jahren habe ich die ganze Buchführung und den Schriftverkehr alleine erledigt, bin die Anträge durchgegangen, habe die Geförderten beraten. Aber mit dem Alter fiel es mir nach und nach schwerer und ich habe mir Unterstützung dazu geholt. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich Menschen gefunden habe, die die Dinge interessiert weitertragen.

Herzlichen Dank für das Interview und dein 30-jähriges Engagement für die Andreas Tobias Kind Stiftung, lieber Hellmut!