Zum 25-jährigen Stiftungsjubiläum führte Anja Hauser (geschäftsführende Gesellschafterin) ein Interview mit den Stiftungsmitwirkenden Prof. Dr. rer. medic. Lutz Neugebauer (Vorsitzender des Beirats/Musiktherapeut), Prof. Dr. sc. mus. Eckhard Weymann (Gesellschafter/Musiktherapeut) und Dr. med. Anke Scheel-Sailer (Beirätin/Ärztin).

Herr Neugebauer, Herr Weymann, die Andreas Tobias Kind Stiftung fördert die Forschung und Ausbildung im Bereich Musiktherapie seit mittlerweile 25 Jahren. Was verbirgt sich genau hinter der Bezeichnung Musiktherapie und wie wird sie in der Praxis angewandt?

LN: Die Musiktherapie ist ein Fach, das sich in vielen Bereichen der Unterstützung von Behinderten und des Gesundheitswesens sehr bewährt. Sie ist überall da besonders erfolgreich, wo sprachliche Verfahren an Grenzen kommen und Kommunikation, die jenseits der Sprache liegt, den betroffenen Menschen hilft – zum Beispiel Kindern, die mit autistischen Störungen leben, Menschen, die durch einen Schlaganfall ihre Sprache verloren haben oder solche, die durch ihr Alter oder bestimmte organische Voraussetzungen dement werden. Für jeden ist nachvollziehbar, dass Musik in besonderen Lebenssituationen helfen kann, jeder hat das schon an sich selbst erfahren.

EW: Die musiktherapeutischen Methoden entstammen dabei verschiedenen „Schulen“ und beziehen sich auf unterschiedliche psychologische, medizinische, ästhetische und philosophische Theorien, die eine Vielzahl von Zielen verfolgen. Musiktherapie umfasst also ein breites Spektrum: Sie reicht von eher musikmedizinischen Anwendungen, wie zum Beispiel dem Abspielen von Musik bei der Operationsvorbereitung im Krankenhausbereich oder der funktionalen Unterstützung durch Musik beim Gangtraining bis hin zu psychosozialen und psychotherapeutischen Behandlungsweisen. Musik kann in therapeutischen Beziehungen als künstlerisches Medium wirken, zum Beispiel bei der langfristigen Begleitung entwicklungsverzögerter Kinder und Jugendlicher.

Wie ist denn der gegenwärtige Entwicklungsstand der Musiktherapie? Welchen Herausforderungen hat sie sich zu stellen?

EW: Es geht in Ausbildung und Praxis zum Beispiel darum, künstlerische Erfahrungen und Methoden so zu vermitteln, dass sie kompatibel sind mit anderen Vorgehensweisen im Gesundheitswesen, in der Heilpädagogik, in psychotherapeutischen Feldern. Was passiert sozial, emotional, körperlich, wenn wir mit Patienten musikalisch interagieren? Was geschieht beim Hören von Klängen und Musik und warum?
Dies zu analysieren ist methodisch nicht ganz einfach – besonders angesichts des Trends der evidenzbasierten Medizin, die ausdrücklich fordert, dass die Entscheidung für eine medizinische Behandlung auf der Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit getroffen werden soll. Wie kann man aber die Wirkung von Musiktherapie quantitativ belegen?
In den letzten Jahren haben sich dennoch viele Kliniken und andere Institutionen für musiktherapeutische und andere kunst- und bewegungstherapeutische Methoden geöffnet. Hier zeigt sich, dass diese Methoden mehr sind als ein Beiwerk der medizinischen Behandlung, dass sie Wirkungsmöglichkeiten bieten, die das medizinische und psychologische Behandlungsspektrum sinnvoll erweitern.

Frau Scheel-Sailer, wie beurteilen Sie die Einbindung von Musiktherapie im Bereich der Medizin? Welchen Stellenwert hat die Musiktherapie in dem Klinikum, in dem Sie arbeiten?

AS: Die Musiktherapie stellt in unserem Klinikum – einer Spezialklinik für die Behandlung von querschnittgelähmten Menschen in der Akut-, der Rehabilitations- und chronischen Phase – als eine der integrierten Psychotherapieformen eine Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten dar. Menschen mit einer chronischen Erkrankung oder Behinderung brauchen gewisse Fähigkeiten, wie zum Beispiel Wissen über ihre körperliche und persönliche Situation, Anpassungsfähigkeit, Geduld und Vertrauen. Je besser sich Menschen in ihrer Situation arrangieren können, desto höher wird die Zufriedenheit und desto besser können Betroffene mit immer wieder auftretenden Komplikationen umgehen. Häufig spielen in diesem Verarbeitungsprozess nicht nur bewusste, sondern auch unbewusste Zusammenhänge eine Rolle. In der Musiktherapie können einerseits Fähigkeiten direkt gefördert werden, die den Umgang in einer besonderen Gesundheitssituation unterstützen, andererseits kann die Musiktherapie als nonverbale Form der Psychotherapie unbewusste Zusammenhänge bewusst werden lassen und gegebenenfalls für eine verbale Psychotherapie vorbereiten. Individuelle Gestaltung und Begegnung sind in diesem Zusammenhang genauso wichtig wie Freude und Humor. Damit bereichert die Musiktherapie die Möglichkeiten in unserer Klinik, Menschen in komplexen Krankheitssituationen individuell zu begleiten, um die Lebensqualität zu erhöhen und das Auftreten von Komplikationen wenn möglich zu verringern.

Wie kann die Medizin durch die Integration von Musiktherapie in den Klinikalltag profitieren? Wie könnte das Interesse an der Medizin an der Musiktherapie vergrößert werden?

AS: Die Medizin profitiert einerseits durch eine Bereicherung des therapeutischen Angebotes um die spezifischen, methodischen und therapeutischen Interventionsmöglichkeiten der Musiktherapie. Andererseits können die diagnostischen Erkenntnisse aus einer integrierten Musiktherapie zu einer Verbesserung der medizinischen Betreuung von Menschen mit einer chronischen Erkrankung beitragen. Um das Interesse an der Musiktherapie von Seiten der Medizin zu vergrößern, ist ein inhaltlich fundierter und differenzierter Austausch notwendig. Dabei ist die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, so wie es auch die Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) in ihrer Klassifikation der Funktionsfähigkeit Behinderung und Gesundheit (ICF, 2001) beschreibt, wichtig. Neben politisch unterstützten Entwicklungsprozessen können dabei gemeinsame Forschungsprojekte diese Fähigkeit fördern.

Die Förderung interdisziplinärer Forschung ist eine bedeutendes Ziel der Andreas Tobias Kind Stiftung. Was meinen Sie, warum bedarf es hierzu eine Stiftung?

LN: Unser Gesundheitswesen stellt für die Finanzierung von Behandlungen zwei Voraussetzungen in den Raum: eine Behandlung muss (1.) zweckmäßig und (2.) wirtschaftlich sein. Die Zweckmäßigkeit wird in der Regel durch wissenschaftliche Studien belegt. Wie Eckhard Weymann bereits beschrieben hat, sind herkömmliche Forschungsmethoden nach dem evidenzbasierten Ansatz in der Musiktherapie nur eingeschränkt anwendbar. In gewisser Weise muss also für die Musiktherapie zunächst eine Forschungsmethodik entwickelt werden, die sich als valide und verlässlich darstellt.
Als weiterer Gegensatz zur klassischen medizinischen Forschung kommt hinzu, dass im Bereich der Musiktherapie keine Forschungsförderung aufgrund von wirtschaftlichen Interessen stattfindet. Eine Pharmafirma fördert eine Studie ja letztlich aufgrund einer Gewinnerwartung mit einem wirksamen Medikament. Hier müssen für die Musiktherapie also andere Wege gefunden werden.

AS: Teilweise gibt es inzwischen bereits Nachweise über die spezifische Wirksamkeit von Musiktherapie für bestimmte Krankheitsbilder, auch wenn zahlreiche Fragen aufgrund fehlender Studien mit guter Qualität weiterhin offen sind. Mitunter beruft man sich auch auf klinische Beobachtungen: Da sich die Musiktherapie in den letzten Jahrzehnten bewährt hat, wurde sie in einige Behandlungsleitlinien, wie zum Beispiel zur Behandlung psychomotorischer Entwicklungsverzögerungen, Depression, Schlaganfall, Essstörung, Onkologie etc. aufgenommen. Dabei kommt der Indikationsstellung und der individuellen Wirksamkeitsüberprüfung eine wichtige Rolle zu. In gewissen Bereichen hat sich die Musiktherapie somit bereits etabliert, weitere Studien zur Darstellung der Wirksamkeit und differenzierten Integration in die Behandlungsangebote sind aber notwendig.

Und welche Rolle würden Sie der Stiftung der Familie Kind in diesem Zusammenhang genau zuschreiben?

LN: Mit ihrem Forschungsschwerpunkt auf dem Bereich Musiktherapie ist die Andreas Tobias Kind Stiftung in der gesamten bundesdeutschen Stiftungslandschaft nahezu einzigartig. Neben der Musiktherapie finanziert sie zudem ja auch Forschung in der Heilpädagogik, die in einem ganz ähnlichen Spannungsfeld zwischen praktischer Bewährung und wissenschaftlicher theoretischer Grundlage steht. Die Konzentration auf diese beiden Schwerpunkte gibt der Stiftung ein eindeutiges Alleinstellungsmerkmal.

Wie sieht die Förderung der Stiftung im Detail aus?

LN: Innerhalb der musiktherapeutischen Forschung hat die Stiftung seit ihrem Bestehen viel bewirkt. Mit verhältnismäßig kleinen Aufwendungen hat sie viele Einzelpersonen in ihrer wissenschaftlichen Karriere unterstützt. Nicht wenige der früheren Stipendiaten arbeiten heute europaweit in Musiktherapieausbildungen oder Forschungseinrichtungen an Universitäten. Von Norwegen bis Österreich kann man Menschen finden, die ihre wissenschaftliche Laufbahn aufgrund einer Förderung dieser kleinen Stiftung beginnen konnten.
Neben der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses wurde auch der Wissenstransfer für ein Berufsfeld ermöglicht. Beispielsweise konnten wichtige Fachartikel übersetzt und für eine breitere Leserschicht zugänglich gemacht werden. Buchpublikationen, die Sicherung von historischem Bildmaterial oder didaktische Videoaufbereitungen gehören ebenso zum Förderspektrum wie die Erarbeitung und Überprüfung von Auswertungsinstrumenten, die unsere Arbeit nachvollziehbar und belegbar machen.

EW: Dabei ist es der Stiftung besonders wichtig, dass einzelne Menschen darin unterstützt werden, ihren eigenen wirklichen Fragen nachzugehen, wie sie sich ihnen im Studium oder in der Praxis ergeben haben. Das kann mitunter einen beruflichen Lebensweg nachhaltig verändern.