Von 2015 bis 2017 verfasste Katharina Nowack mithilfe einer Förderung der Andreas Tobias Kind Stiftung ihre Dissertation „Mit offenen Ohren. Auditive Milieus in Einrichtungen für Menschen mit Demenz wahrnehmen und gestalten“. Darin untersuchte Frau Nowack innerhalb eines Vorher-Nachher-Vergleichs, welche Bedeutung die Gestaltung des auditiven Milieus für das Wohlbefinden von Menschen mit Demenz hat. Eine Zusammenfassung ihrer Arbeit gibt Einblick in die Studienergebnisse und offenbart die große Wirkung feiner atmosphärischer Unterschiede.

In der Promotion wurde das auditive Milieu (Sonntag 2013) in drei Wohnbereichen für Menschen mit Demenz untersucht. In einem Vorher-Nachher-Vergleich fanden mit einer Mixed-Methods-Methodik Lautstärkepegelmessungen, Klangprotokollerhebungen, Nachhallzeitmessungen, Fragebogenerhebungen der Mitarbeiter, Dementia-Care-Mapping-Beobachtungen der Bewohner mit Demenz sowie Untersuchungen der Atmosphäre durch Atmosphärenbeschreibungen statt. Zwischen der ersten und zweiten Forschungsphase wurden die Mitarbeiter der Wohnbereiche in Fortbildungen sensibilisiert (z.B. durch Hörübungen (Schafer 2002), Hineinversetzen in die Klangwelt der Kindheit der Bewohner, Wissensvermittlung zu dem Umgang mit Hörgeräten oder dem Einsatz von Medien), es fanden technische Veränderungen im Wohnbereich statt (z.B. Einbau einer Glasscheibe in der Küche zur Reduktion der Küchengeräusche), außerdem wurden in einem Wohnbereich Schallabsorber installiert. Forschungsfragen waren, wie genau sich das auditive Milieu gestaltet und wie es umgestaltet werden konnte sowie, wie sich die (veränderten) auditiven Milieus auf die Stimmung der Bewohner und Mitarbeiter niederschlägt. Es wurde errechnet, ob es einen messbaren statistischen Zusammenhang zwischen der Stimmung der Bewohner und der Lautstärke und den Klängen im Wohnbereich gibt.

In der ersten Forschungsphase wurden in allen drei Wohnbereichen im Gemeinschaftsraum Lautstärkepegelwerte von im Schnitt 50 bis 60 dB(A) gemessen. Die drei häufigsten Klänge waren in der ersten Forschungsphase Gespräche, Radio-Musik und Geschirrgeklapper. In zwei der drei Wohnbereiche lief an den Messterminen ununterbrochen das Radio. Die Zuordnung der Klänge ergab, dass 42% aller Klänge technische Geräusche waren (z. B. Piepen, Spülmaschine, Geschirrgeklapper), während menschliche Geräusche, Sprechstimmen und Life-Musik deutlich seltener vorkamen. Die DIN18041 gibt Empfehlungen für die Nachhallzeit bzw. das Verhältnis von Absorptionsfläche zum Raumvolumen an. Die Messungen ergaben, dass in den Gemeinschaftsräumen die Nachhallzeit mindestens doppelt so hoch war wie empfohlen, bzw. die Absorptionsfläche deutlich zu klein.

In der zweiten Forschungsphase zeigte sich, dass in dem Wohnbereich, in dem zusätzlich zu den Fortbildungen und technischen Veränderungen auch Schallabsorber installiert wurden, das auditive Milieu am deutlichsten umgestaltet werden konnte: Der Mittelwert der Lautstärke reduzierte sich statistisch signifikant von 53,07 dB(A) auf 49,05dB(A), die Nachhallzeit konnte um 21,77% reduziert werden. Auch die Klänge änderten sich in diesem Wohnbereich am deutlichsten: Menschliche Klänge kamen deutlich häufiger vor. Die Kombination aus Fortbildungen, technischen Veränderungen und Schallabsorbern scheint am effektivsten zu sein, um das auditive Milieu positiv umzugestalten.

Die Fragebogenerhebungen ergab, dass sich viele Mitarbeiter von der hohen Lautstärke und den Klängen auf ihrem Wohnbereich gestört fühlten, sie wirkten fast noch beeinträchtigter als die Bewohner, bei denen es auch positive Korrelationen zwischen der Stimmung und dem aktuellen Lautstärkepegel auf dem Wohnbereich gab. In den beiden Wohnbereichen, in denen es viele Veränderungen bezüglich des auditiven Milieus und deutlich veränderten Atmosphären gab, erhöhte sich das Wohlbefinden der Bewohner statistisch signifikant. Die statistische Auswertung ergab auch, dass das Erleben der Lautstärke von den Bewohnern von dem tatsächlichen Verlauf der Lautstärke abhängig war, dass die Bewohner also äußerst differenziert reagierten: Wenn es z. B. durchgehend relativ leise auf dem Wohnbereich war, reagierten die Bewohner auf einen kurzzeitigen Anstieg der Lautstärke mit einer guten Stimmung. Diese Ergebnisse bestätigen auch die Thesen Sonntags (2013), dass Menschen mit Demenz besonders sensibel für Atmosphärisches seien. In den Untersuchungen zeigte sich auch, dass die Menschen mit beginnender Demenz positiver auf höhere Lautstärken reagierten als Bewohner mit fortgeschrittener Demenz und herausfordernden Verhaltensweisen.