Das Theater All Inclusive, u.a. bei den Stücken "Die Irrfahrten des Odysseus", "Faust" und "Schneewittchen"

Applaus, Applaus! – über das geglückte Abenteuer des Inklusionstheaters „All Inclusive“

„Das jedenfalls wäre unser Traum, dass sehr unterschiedliche Menschen auf der Bühne eine gemeinsame künstlerische Welt entstehen lassen, in der alle Formen des Menschseins sich für den Betrachter gleichwertig erklären und darstellen.“

In der Theaterwerkstatt „All Inclusive“ ist der Name Programm: Professionelle Schauspieler mit und ohne Behinderung stehen in dem Theaterprojekt der Ottersberger Manufakturen (Stiftung Leben und Arbeiten) gemeinsam auf der Bühne. 2015 probte die bunte Truppe mit Unterstützung der Andreas Tobias Kind Stiftung das Stück „Die Irrfahrten des Odysseus„. Die Regie übernahm Harald Weiler aus Hamburg, der sich gemeinsam mit dem Ensemble zu einem großen Abenteuer aufmachte …

Die Idee einer gemeinsamen künstlerischen Welt war es, die das Theater All Inclusive in ihrem Wunsch, ein Inklusionstheater auf die Beine zu stellen, antrieb. Aber schon die Suche nach einem Regisseur stellte sich als herausfordernd dar. Die Anfrage bewegte zwar die angesprochenen Menschen, aber die Umsetzung erschien unmöglich. Die Gratwanderung der „Zurschaustellung“ und der „künstlerischen Darstellung“ schreckte ab, so Jutta Raffold, die gemeinsam mit Katharina Schumacher die Leitung der Theaterwerkstatt innehat. Harald Weiler jedoch sagte spontan zu. Und dank der Dramaturgin Dagmar Leding konnte ein Skript entwickelt werden, das sowohl für die Schauspieler als auch den Regisseur eine wunderbare Arbeitsgrundlage war. Ab diesem Zeitpunkt begann die Idee Wirklichkeit zu werden – und das in rasendem Tempo!

Von der ersten gemeinsamen Probe bis zur Aufführung blieben dem neu zusammengesetzten Team gerade einmal sechs Wochen. Selbst für ein gut eingespieltes Ensemble ist das eine knapp bemessene Zeit. Zwar war Harald Weiler die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen bereits aus seinem Studium der Sonderpädagogik vertraut, jedoch hatte er bisher noch nie für ein Inklusionstheater Regie geführt. Dabei reizte ihn besonders die Fragestellung, ob die Gesetze, die es im ‚normalen’ Theaterprozess gibt, auch auf die inklusive Arbeit übertragbar sind: „Wie verläuft die Kommunikation mit den Schauspielern? Worauf muss im Vergleich zum sogenannten ‚normalen’ Theaterbetrieb geachtet werden? Und schaffen wir das mit sechs Wochen Proben?“

Bewusst entschieden sich die Theaterleitung Jutta Raffold und Harald Weiler dazu, zusätzlich zwei Schauspieler des ersten Arbeitsmarktes zu engagieren: Moritz Schilk in der Hauptrolle des Odysseus und Katharina Schumacher als Erzählerin und einäugiger Polyphem. Die ersten Schritte beschreibt Jutta Raffold folgendermaßen: „Wie auch ich erlebte Moritz Schilk beim gemeinsamen Spiel Erstaunliches. Zunächst ging es für ihn um Beziehungsarbeit. Rasch aber hatte er Vertrauen und Sympathien gewonnen. Dann erlebten wir in den Anfangsproben Verweigerung. Der ungewohnte Ton, die Tatsache, dass man nicht sofort (wie sonst in der Theaterwerkstatt üblich) persönlich angesprochen und motiviert wurde, demotivierte zwei Schauspieler. Es dauerte ein bis zwei Wochen, bis sie sich in die neue Arbeitsweise eingefunden hatten. Danach konnte Harald viel besser auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Einzelnen eingehen. Wunderbarerweise stand auf einmal die Arbeit im Vordergrund und nicht die persönlichen Befindlichkeiten. In dieser Arbeitsatmosphäre konnten einige Darsteller ihre Fähigkeiten erweitern und über ihre Grenzen hinauswachsen.“ Die Besonderheit der Zusammenarbeit bezeugt auch Schauspielerin Gretje: „Mit dem Regisseur Harald Weiler zusammenzuarbeiten war besonders. Und mit Moritz auf der Bühne zu stehen, als Odysseus.“

„Eigentlich gibt es keinen Unterschied zum Betrieb mit nicht-behinderten Schauspielern“, lautete Harald Weilers Fazit nach einigen Wochen: „Wir sind in einem ganz normalen Prozess, haben gerade die Endproben, alle sind aufgeregt. Wie wird die Premiere ablaufen? Wie wird das Stück bei den Zuschauern ankommen? Beides wissen wir nicht. Das ist wie immer. Ich bin so drin, dass ich keinen Unterschied empfinde.“ Einzig bei der Sprache stellte er eine Besonderheit fest: Sie müsse einfacher bleiben, statt komplexer Dialoge müssten bilderstarke Szenen entwickelt werden. „Wichtig war für mich, dass wir in ein Zusammenspiel kommen und dass alle Schauspieler die Geschichte verstehen und Lust haben, sie zu erzählen“, so Weiler. Daher sollten sie auch keine Figuren spielen, die weit von ihnen entfernt sind. Stattdessen wurde bewusst auf die Qualitäten der einzelnen Ensemblemitglieder eingegangen. Das bezeugten auch die Darsteller selbst: „Was ich gut fand, war die Rolle als Sonnengott Helios“, meinte Denise. Ihrer Kollegin Maude gefiel wiederum, „dass das Stück sehr actionreich und lebendig war“.

Vier ausverkaufte Spielorte in Hamburg, Bremen und Osterholz-Scharmbeck mit einem sehr begeisterten Publikum bestärkten das Team in seiner Hoffnung, dem Ziel einer gemeinsamen künstlerischen Welt näher gekommen zu sein. „Ich finde, dass wir das toll geschafft haben. Unter anderem auch, weil wir mit Jens Faber einen Musiker hatten, der mit seinen selbst komponierten Lieder dem Stück einen tollen Rahmen gegeben hat“, resümiert Harald Weiler. Auch Jutta Raffold ist überzeugt, dass das Abenteuer Odyssee geglückt ist. Als besonderes Indiz für eine gelungene inklusive Arbeit erwähnt sie ein Erlebnis bei der Pressekonferenz: „Auf die Frage, was wir vom Publikum erwarten, brachte ich eine theoretische Antwort zum Thema Inklusion. Dann sagte Gretje spontan: ‚Applaus, viel Applaus!’ und alle Journalisten schrieben begeistert mit. Das war die ehrlichste und treffendste Aussage!“

Eine Rezension zur Inszenierung finden Sie hier.