In meiner Dissertation „In verwandelter Gestalt“ habe ich eine rezeptive musiktherapeutische Methode – die von Dr. Peter Heß entwickelte Gongtherapie – sowohl durch individualpsychologische als auch kulturhistorische Bezüge wissenschaftlich untersucht. Bislang wurde diese rezeptive musiktherapeutische Methode, die deutschlandweit bislang ausschließlich an zwei Standorten angeboten wird (Stadtklinik Frankenthal und Schlossparkklinik Dirmstein), noch nicht systematisch beforscht. Für die angestrebte Entdeckung theoretischer Grundlagen wählte ich einen qualitativen Forschungsansatz. Ziel war es, die Frage nach den Auswirkungen einer fortlaufenden Teilnahme an der Gongtherapie im Rahmen einer mehrwöchigen klinischen Behandlung zu beantworten.

In der musikpsychotherapeutischen Behandlungsform kommen neben dem Gong u.a. Monochorde, Obertongesänge, Didgeridoos und Trommeln zum Einsatz. Mit Hilfe der für ca. 45 Minuten live gespielten Instrumente wird einmal wöchentlich für bis zu zwölf Patienten eine Klangtrance ermöglicht. Im Anschluss an die Musikphase fertigen die Teilnehmer ein Spontanbild des individuellen Erlebnisses an. Einen Tag später erstellen die Patienten eine schriftliche Beschreibung ihrer Erfahrung. Weiterhin werden in jeder Sitzung verschiedene Integrationsmöglichkeiten zur Verarbeitung der Erlebnisse angeboten.

Im Rahmen der Untersuchung wurden neben den Spontanbildern die Erlebnisberichte und weiteres klinisches Material dokumentiert sowie mehrere Interviews (Prä-, Post-, Follow-Up-) mit den Patienten geführt. Auf dem Fundament der qualitativen Heuristik wurde eine methodologische Triangulation mit der Psychologischen Morphologie hergestellt und die letztlich verarbeiteten elf Einzelfälle sowohl im Längsschnitt als auch im Querschnitt beleuchtet. Im Rahmen der Längsschnittbetrachtung orientierte sich die wissenschaftliche Aufarbeitung an dem morphologischen Verfahren der Beschreibung und Rekonstruktion. Dabei wurden ausgehend von den Spontanbildern und Erlebnisberichten die Psycho-Logiken beider Werke erkundet und miteinander in Bezug gesetzt, um dann sukzessive weiteres klinisches Material einzubeziehen und schlussendlich die psychologische Übergangsgestalt jedes einzelnen Falles zu rekonstruieren. Auf diese Weise wurde der Einmaligkeit seelischer Gestaltverwandlung Rechnung getragen und jeder individuelle psychotherapeutische Prozess im Rahmen der Gongtherapie logisch und begründet nachzuvollziehen versucht.

Im Rahmen einer Querschnittsbetrachtung der untersuchten Einzelfälle sind mehrere Gemeinsamkeiten auffällig geworden, die sich als Wirkgefüge zusammenfassen lassen. Nach Abschluss der multiperspektivischen Datensammlung und Auswertung lässt sich schlussfolgern, dass die Gongtherapie dazu geeignet ist, psychotherapeutische Prozesse zu initiieren, bei denen verborgene Ressourcen aktualisiert oder neue generiert werden und es im Rahmen der mehrwöchigen Teilnahme zu Verarbeitungsprozessen in Form von Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten kommt. Von besonderer Bedeutung ist hierbei einerseits das Gruppensetting und die damit ermöglichte Zugehörigkeitsempfindung der Patienten zueinander sowie die Möglichkeit Erfahrungen einer mystischen Union und weiterer transpersonaler Erlebnisse zu generieren. Neben einer emotionalen Dynamisierung wird zudem das Körperempfinden in besonderer Art angesprochen. Zusätzlich zu den hörbaren Frequenzen der Musik hat speziell der Gong das Potential den gesamten Therapieraum – inkl. allen Menschen darin – in Vibrationen zu versetzen und damit auch Körpererinnerungen zu mobilisieren. Dadurch entsteht in der Gongtherapie ein Raum für die Lösung und Verarbeitung belastender Lebenserfahrungen, die sich – wie bspw. traumatische Erfahrungen – in Imaginationen und/oder Körperempfindungen abspulen und durch die musikalischen Wandlungen zugleich Veränderung erfahren. Weiterhin eröffnet sich durch eine spezifisch akustische Symbolik der verwendeten Musikinstrumente – mit ihrer Klangfärbung und den Intensitätskonturen ihres Spiels – auch eine Pforte in die vorgeburtliche Lebenszeit. Dabei kann es zu multimodalen Verarbeitungsprozessen früher Themenkomplexe kommen, die einer Behandlung von der biographischen Wurzel her gleicht und zu nachhaltiger Stabilisierung, neuen Entwicklungsimpulsen und einem erneuten Ankommen im Leben führen kann.

Abschließend lässt sich feststellen, dass die Gongtherapie – wie die meisten kulturhistorischen Übergangsriten – der Logik einer symbolischen Einkehr in einen akustisch und atmosphärisch konstruierten Mutterleib gleicht. Allmählich kommt es zu Begegnungen mit urtümlichen Kraftquellen und lebensgeschichtlichen Krisen, denen dann ein erneuter Übergang – in verwandelter Gestalt – in die Welt folgt.