Nachruf

Prof. Hellmut Kind (1923 – 2021)

Wir trauern um Hellmut Kind, der am 11. August 2021 im Alter von 98 Jahren in Aumühle bei Hamburg verstorben ist.

Hellmut Kind war ein einflussreicher Förderer der Musiktherapie. Zusammen mit seiner Frau Gabriele (1924 – 2013) hatte er im Jahre 1989 eine Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Heilpädagogik und der Musiktherapie gegründet, die mittlerweile über 250 Forschungsprojekte, Aus- und Weiterbildungsvorhaben unterstützt hat. Sie wurde nach ihrem Sohn Andreas Tobias Kind (*1962) benannt, der mit dem Down-Syndrom lebt. Zum Stiftungszweck wird in der Satzung hervorgehoben: „Dabei sollen unterschiedliche methodische Ansätze und Schulrichtungen gefördert werden, sofern von ihnen eine Befruchtung der heilpädagogischen und therapeutischen Arbeit zum Wohl der behinderten Menschen erwartet werden kann“. Die Stiftungsgründung erfolgte zu einer Zeit, als in der Musiktherapie die Abgrenzung der verschiedenen „Schulen“ zur Identitätssicherung noch üblich und vermutlich notwendig war. In ihrer Förderpolitik und vor allem durch die jährlichen Stiftungstage wirkte die Stiftung deutlich integrierend und förderte das fruchtbare Miteinander unterschiedlicher Arbeits- und Forschungsansätze in unserer Community. Dafür wurde die Stiftung 2003 mit der Gertrud Katja Loos Medaille ausgezeichnet.

Hellmut Kind wurde 1923 in Berlin geboren. Nach Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft studierte er Psychologie und arbeitete sich in die Praxis der anthroposophischen Heilpädagogik ein. 1953 wurde er beauftragt, das „Heil- und Erziehungsinstitut für seelenpflegebedürftige Kinder Birkenhof“ in Neu Neetze bei Lüneburg aufzubauen, welches er bis 1964 leitete. Anschließend zog die Familie nach Hamburg um und er begab sich für mehrere Jahre in eine psychoanalytische Ausbildung, die er aber nicht vollständig abschloss. Daneben arbeitete er als Psychologe in einer Erziehungsberatungsstelle. 1969 wurde er als Dozent und Professor an die spätere Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik berufen, wo er vor allem die Fächer Heilpädagogik, Entwicklungspsychologie und Familientherapie vertrat. Ein besonderes Anliegen war ihm sein Theorie-Praxis-Seminar, in dem die Studierenden ihre Erfahrungen aus der Praxis reflektieren und gemeinsam nach Lösungen suchen konnten. Als Klinischer Psychologe und Psychotherapeut behandelte er immer einige Patienten in seinen privaten Praxisräumen.

In seinen Lebenserinnerungen schreibt er: Während meiner beruflichen Tätigkeit in anthroposophischen Zusammenhängen erwachte mein Interesse an der Psychoanalyse, die bei den Anthroposophen ziemlich verpönt war. Dann entdeckte ich für mich, dass die Psychoanalyse zwar gute Hilfen zum Leben anbieten konnte, aber dem Sterben gegenüber ziemlich hilflos war. Ich wandte mich dem Buddhismus zu, bin aber auch dort nie Mitglied geworden (…). Ich fühle mich als Wanderer zwischen verschiedenen geistigen Welten, deren Grundmelodien in mir zunehmend harmonisch zusammen klingen, ohne dass ich die bestehenden Unterschiede verleugnen oder vermischen möchte.

Ich selbst bin Hellmut und Gabriele Kind zum ersten Mal im Juli 1991 begegnet, als ich von Monika Nöcker Ribaupierre von der Gründung der Andreas Tobias Kind Stiftung gehört hatte. Als Vertreter des Instituts für Musiktherapie der Musikhochschule Hamburg besuchte ich die beiden, um zu erkunden, ob sich Fördermöglichkeiten für das Institut und seine Anliegen ergeben könnten. Auf der sonnigen Terrasse beim Tee blickten mir zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten entgegen: Gabriele mit ihren wachen Augen und einem fast spöttischen Lächeln und Hellmut mit großem Ernst, eher streng, aber ganz zugewandt. Unvermittelt wurde ich gefragt: Und was ist Ihre innere Frage, was möchten Sie selbst erforschen? Auf eine solche persönliche Frage war ich gar nicht gefasst – und erzählte nun doch ad hoc, was mich in meiner Arbeit als Musiktherapeut und Hochschullehrer besonders interessierte, Gedanken die schließlich zu meinem Promotionsprojekt führen sollten.

Der langjährige persönliche Einsatz von Hellmut und Gabriele Kind für die Stiftung war getragen vom tiefen Interesse an den vorgestellten Themen, vor allem aber an den Menschen, die bei der Stiftung anklopften. Viele der Geförderten werden Hellmut Kinds kritische Nachfragen in Erinnerung haben, die oft zu neuen, anregenden Wendungen des Themas führen konnten, dabei immer von Respekt getragen waren. In den ersten Jahren der Stiftung hatte man die Antragsteller noch zusammen mit den wissenschaftlichen Beiräten an ihren Wirkungsorten besucht. Später verlagerten sich die Arbeitstreffen und Projektvorstellungen dann in das große Wohnzimmer der Familie, schließlich an neutralere Orte.

Rechtzeitig begannen Hellmut und Gabriele sich aus der aktiven Arbeit zurückzuziehen und die Geschäftsführung sowie die Leitung der Gremien an Nachfolger zu übertragen. Bis 2019 hat Hellmut Kind am Leben der Stiftung noch wachsam Anteil genommen, etwa wenn wir uns für die interne Sitzung in Aumühle trafen. Gelegentlich wurde dann auch noch mal ein richtungsweisendes Wort von ihm gesprochen.

Wir – und hier spreche ich sicher für viele, die ihn kannten – sind dankbar, dass wir Hellmut Kind begegnen durften. Diesem strengen und engagierten „Wanderer zwischen verschiedenen geistigen Welten“, diesem „Außenstehenden“, wie er sich selbst charakterisiert hat.

Wie von ihm gewünscht wurde sein Sarg nun mit den Klängen eines Walzers von Familie und Freunden zum Grab begleitet.

Prof. Dr. Eckhard Weymann, Hamburg