Lieber Kolja, du bist Sonderpädagoge, Musiktherapeut und noch dazu Enkel unseres Stifters Helmut Kind – deine Vita ist quasi wie für unseren Stiftungsbeirat gemacht! Gab es trotz (oder gerade wegen) deiner familiären Prägung Momente des Zweifelns bei dir, welchen beruflichen Weg du einschlagen möchtest? 

KS: Nach der Schulzeit wollte ich Musik oder Psychologie studieren. Nach meinem Zivildienst in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung kam dann auch noch der Wunsch dazu, Geistigbehindertenpädagogogogik zu studieren. In dem Studium der Sonderpädagogik mit dem Fach Musik erschienen mir viele meiner Interessen vereint. Nach dem zweiten Semester bekam ich Zweifel. Ich hätte gern mehr Zeit in meinem Hauptfach „Cello“ investiert, die mir aber aufgrund des umfangreichen Studiums nicht blieb. Zu dieser Zeit gab ich auch Cellounterricht und hätte mir dies gut als zukünftigen Beruf vorstellen können. Ich ging meinem Zweifel nach und studierte mit Hilfe des Erasmus-Programms ein Semester Cello in Lissabon. Ich habe dieses Auslandssemester sehr genossen, aber auch festgestellt, dass mir das Lernen und Nachdenken über den Menschen fehlte. Mir erschien das Cellostudium in seiner Intensität als zu „eintönig“ und „isoliert“. Heute bin ich zufrieden mit meiner Berufswahl und arbeite gern an meiner Schule. Durch das gemeinsame Musizieren mit meinen vier Kollegen aus dem Fachbereich Musik, komme ich auch immer wieder Mal zum Cellospielen.

Was sind deine ersten Erinnerungen an unsere Stiftung?
KS: Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Stiftungstag an dem ich das erste Mal teilnahm. Damals fand der Stiftungstag noch im Wohnzimmer meiner Großeltern statt. Ich ging noch zur Schule und hatte keine Erfahrungen mit der wissenschaftlich-akademischen Sprach. Daher erschien mir alles zunächst fremd und ich hatte den Eindruck, das merkwürdig wichtig und hochgestochen gesprochen wurde. Mit einigen Wörtern konnte ich gar nichts anfangen. Unter anderem gab es einen Beitrag über die Tomatis-Methode, die einen so großen Eindruck hinterlassen haben muss, dass der Beitrag von meinem Zwillingsbruder und mir zu Hause in einem lustigen Rollenspiel nachgespielt wurde, wobei einer die Rolle des im Publikum sitzenden Professors einnahm und der andere Herr Tomatis hieß. Das Bild über die akademische Sprache hat sich aber im Laufe meines Studiums gewandelt und ich lausche gerne den Beiträgen und Diskussionsrunden am Stiftungstag.

Du arbeitest als Sonderschullehrer an einer Berliner Waldorfschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Inwieweit kommt dir im Schulalltag auch dein Zusatzstudium der Musiktherapie zugute?
KS: In erster Linie arbeite ich an der Schule als Sonderpädagoge und gebe Musikunterricht, in den therapeutisches Gedankengut einfließt. Gerade dann, wenn musikalisch improvisiert wird, die Schüler über ihre Erlebnisse sprechen und sich daraus z.B. ein Gespräche über streitende Eltern, Wut oder Angst entwickelt, erlebe ich mich in einer therapeutischen Rolle. Doch nicht nur im Musikunterricht, sondern allgemein im Umgang mit Schülern und insbesondere bei Schülern mit herausfordernden Verhaltensweisen kommt mir das Studium der Musiktherapie zu Gute. Die Reflexion aus Sicht eines Therapeuten ermöglicht mir, die Beziehung zu dem entsprechenden Schüler anders zu gestalten. Je nach Schülerbedarf gibt es in der Schule auch die Möglichkeit, Einzelmusiktherapie zu geben. Hier bin ich dann Musiktherapeut und der Schüler weiß, dass er zur Musiktherapie geht und nicht zum Musikunterricht. Hier hat sich bewährt eher Schüler zu nehmen, die man nicht aus dem regulären Musikunterricht kennt.

Oftmals nehmen Waldorfschulen in unserem Bildungssystem leider eine Sonderrolle ein, da sie eher von Kindern aus privilegierten Elternhäusern besucht werden. Spielen dennoch auch bei euch die Themen Flucht und Migration eine Rolle?
KS: Da an unser Schule kaum Schulgeld erhoben wird, haben wir es nicht nur mit Schülern aus privilegierten Elternhäusern zu tun. In fast jeder Schulklasse finden sich auch Schüler mit Migrationshintergrund. Im Jahr 2015 hatte auch unser Schulkollegium über die Notlage von Flüchtlingen gesprochen. Es wurde entschieden der Schulbehörde mitzuteilen, das die Schule offen für die Aufnahme von Flüchtlingskindern ist. Seit mehr als zwei Jahren besucht ein Junge aus Syrien, der mit seiner älteren Schwester aus Syrien geflohen ist, unsere Schule. In der gleichen Schulklasse arbeitet auch ein Mann aus Syrien als pädagogische Hilfskraft.

Du wohnst gemeinsam mit deiner Frau und deiner kleinen Tochter in Potsdam. Wie sieht ein perfekter Feierabend für euch aus?
KS: An einem perfekten Feierabend scheint die Sonne und alle haben gute Laune. Es geht mit Picknickkorb und Fahrrädern an den naheliegenden See. Es wird gebadet, gegessen, getrunken und gequatscht. Das geht natürlich nur bei entsprechenden Temperaturen. Darum freue ich mich so, dass es nun wieder wärmer wird.

Wir haben unseren diesjährigen Frühlingsnewsletter mit den Stichworten „Durchatmen und Loslassen“ eingeleitet. Wie bzw. wo gelingt dir das am besten?
KS: Am besten kann ich durchatmen, wenn ich eine Tätigkeit verrichte, die in ihrer Zielsetzung zweckfrei ist und nicht zum Pflichtprogramm gehört. Dazu gehört das Lesen einer Zeitung, insbesondere der Bereiche, die weit entfernt von meiner Arbeit sind wie z.B. Wirtschaft oder Politik, aber auch das Cellospielen oder Fahrradfahren in der grünen Potsdamer Umgebung. Loslassen kann ich gut, wenn ich Deutschland verlasse und mich in einer anderen Kultur bewege, in einer anderen Sprache spreche und eine andere Rolle einnehme. Im Alltag kann ich gut loslassen durch die Vergegenwärtigung und Unterscheidung der Dinge, welche ich beeinflussen kann und welche eher nicht. Auch meine Familie und Freunde unterstützen mich im Loslassen durch wertvolle Hinweise zu meinen festgefahrenen Verhaltensweisen. Im Augenblick gelingt mir das Durchatmen und Loslassen eher weniger. Es fehlt an Zeit. Aber das Interview ist ein guter Impuls sich einfach Zeit zu nehmen.

Herzlichen Dank für das Zeit-Schenken und einen schönen Frühlingsanfang, lieber Kolja!