Liebe Frau Prof. Tüpker,

seit 27 Jahren leiten Sie den Masterstudiengang Klinische Musiktherapie an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) in Münster. Unsere Stiftung und Sie sind 1990 über die Förderung einer Ihrer Buchveröffentlichungen in Kontakt gekommen, seither besteht ein kontinuierlicher Austausch und wir konnten auch einige Ihrer Studierenden kennenlernen und fördern. Diesen Sommer werden Sie nun zu unserem großen Bedauern in den Ruhestand gehen. Mit Ihrem Ausscheiden wird traurigerweise auch der Studiengang Musiktherapie in Münster eingestellt. Im Juli 2017 finden daher ein Abschiedskonzert und eine musiktherapeutische Fachtagung zu Ihren Ehren statt. Was genau wird Thema der Tagung sein?

RT: Es soll um Spielräume gehen, darum, wie man sie schaffen und bewahren kann. Ich hatte in den letzten Jahren oft den Eindruck, dass der Begriff des Spielraums, den wir ja Winnicott zu verdanken haben, etwas sehr Zentrales ist. Wenn Menschen kein Spiel mehr haben, durch ihre Arbeitsverhältnisse, eine Behinderung, eine bestimmte Lebenssituation, so leiden sie und werden krank. Wir erleben ja alle selbst, wie wichtig es ist, sich diesen Spielraum dann immer wieder neu zu erobern.

Fast alle Leidenszustände und Verhältnisse, denen MusiktherapeutInnen in ihren sehr unterschiedlichen Arbeitsbereichen begegnen, lassen sich von diesem Blickwinkel aus betrachten: etwa die Arbeit im Altenheim oder im Hospiz, in der Psychosomatik und in der Psychiatrie. Da geht es oft darum, den möglichen Spielraum wiederzuentdecken und auszubauen, manchmal für den Moment der Musiktherapie, manchmal als eine innere Erweiterung, die transportabel ist.

In der Arbeit mit Kindern kann es aber auch darum gehen, erst einmal die nötige Sicherheit zu schaffen, einen sicheren Raum, in dem dann Spiel entstehen kann. Mit Spiel ist das Bewegliche gemeint, mit Raum die notwendige Umgrenzung, das Feste. Um diesen Fokus drehen sich die Vorträge und auch die Workshops.

Übrigens hat Ihre Stiftung für mich auch viel mit Spielräumen zu tun. Denn durch Ihre finanziellen Unterstützungen schaffen Sie oft den nötigen Spielraum dafür, dass kreative Ideen sich auch umsetzen lassen, sozusagen in die Welt kommen und nicht nur im Kopf bleiben. Und dadurch, dass Ihre Unterstützung eben immer nicht nur finanziell ist, sondern stets auch eingebunden in ein spürbar förderliches Interesse an denen, die Sie unterstützen, schafft es eine Verbindlichkeit, die wir in dieser Zeit wirklich brauchen.

Das freut uns sehr – vielen Dank! Wie sah es bezüglich „Spiel“ und „Raum“ in Ihrem persönlichen Werdegang aus? Sie haben 1970 zunächst an der Musikhochschule in Köln studiert, u.a. die Fächer Klavier, Schlagzeug, Komposition und Musikpädagogik. Liest man Ihre Vita, so scheint es, als wäre Ihnen von Beginn an klar gewesen, welche Richtung Sie beruflich einschlagen möchten. Schwebte Ihnen tatsächlich schon damals eine musiktherapeutische Karriere vor?

RT: Ja, das war tatsächlich so. Ich hatte auch zunächst gleichzeitig einen Studienplatz in Psychologie in Bonn ergattert. Das war aber dann doch etwas zu viel auch einmal. Allerdings muss ich zur Relativierung auch dazusagen, dass ich keine Ahnung davon hatte, dass es so etwas wie Musiktherapie schon gab.

Das habe ich erst sehr viel später erfahren, u.a. dadurch, dass ich über Eckhard Weymann (Gesellschafter der Kind Stiftung) Paul Nordoff kennenlernen durfte. Damals hatte ich nur selbst die Erfahrung gemacht, dass Musik mir hilft, und so wollte ich unbedingt Musik machen, wollte aber auch andern helfen.

Ich hatte schon in der Schule Freud gelesen und war davon fast genauso fasziniert wie von der Musik.

Musik zu machen war aber erst einmal dringlicher und insofern war die Reihenfolge, erst viel üben und spielen zu dürfen, die damals unglaublich reiche Musikszene in Köln miterleben zu dürfen, und dann erst später Psychologie zu studieren, genau richtig.

Als junge Wissenschaftlerin gründeten Sie 1980 bereits die „Forschungsgruppe zur Morphologie der Musiktherapie“, die Sie acht Jahre später in das „Institut für Musiktherapie und Morphologie“ überführt haben. Was gab den Impuls zur Gründung dieser Gruppe? Welche Menschen kamen hier zusammen?

RT: Fachlich war es die Suche nach einer wissenschaftlichen Methode, die in der Lage ist, die Prozesse in der Musiktherapie zu erfassen, ohne sie zu zerstören, vor allem im Hinblick auf die musikalische Improvisation, dem Herzstück der Musiktherapie.

Persönlich kam für mich mit der Gründung dieser Gruppe vieles zusammen: Mein Psychologiestudium an der Uni Köln, bei dem ich die Morphologie des leider kürzlich verstorbenen Wilhelm Salbers kennengelernt hatte. Dann die Erfahrungen mit den beiden wichtigen musiktherapeutischen Methoden, die wir im Mentorenkurs Musiktherapie in Herdecke gemacht hatten: der Nordoff-Robbins-Musiktherapie und der psychoanalytischen Musiktherapie von Mary Priestley.

Aus diesem Kurs kamen dann auch die anderen Mitglieder unserer Gruppe: Eckhard Weymann, Frank Grootaers und Tilman Weber. Von Beginn unserer praktischen Tätigkeiten als frisch gebackene MusiktherapeutInnen an trafen wir uns einmal im Monat für ein Wochenende, tauschten uns über unsere Erfahrungen aus, versuchten sie von der Morphologie aus besser zu verstehen und beschrieben die Improvisationen, die wir mit den Patienten gespielt hatten. Das mit den Beschreibungen war sehr zentral, es half wirklich, die Patienten besser zu verstehen und wir bauten das zu einer ersten spezifisch musiktherapeutischen wissenschaftlichen Methode aus.

Nach meiner Promotion, in der ich auch die Ergebnisse dieser gemeinsamen Forschungsarbeit zusammengefasst habe, gründeten wir dann das Institut und begannen mit einer Reihe von jeweils mehrjährigen Weiterbildungen.

Nachdem Sie unter anderem in Hamburg, Wuppertal und Köln gelehrt haben, halten Sie seit 1990 als Studiengangleitung Musiktherapie der WWU Münster die Treue. Was sind für Sie die bedeutendsten Entwicklungen in der Musiktherapieausbildung der letzten Jahrzehnte?

RT: Da gibt es mehrere Stränge: Zum einen, denke ich, gibt es eine ganz deutliche Professionalisierung mit einigen Grundfesten, die sich in allen Ausbildungen wiederfinden lassen: das Musikalische selbst als die wichtigste Herkunft derer, die ein solches Studium aufgreifen und die es dann in Richtung der Beziehungsgestaltung auszubauen gilt; die theoretische Anbindung an das psychologische und medizinische Wissen unserer Zeit, die Selbstreflexion im Hinblick auf das eigene therapeutische Handeln und natürlich das Erlernen der musiktherapeutischen Vorgehensweisen.

Wenn ich an Veränderungen während der letzten 25 Jahre denke, dann fällt mir die Erweiterung der Arbeitsbereiche ein, die inzwischen weit über den klinischen Bereich hinausreichen, aus dem ich selbst kam. Durch die unterschiedlichen Interessen der Studierenden habe ich das sehr schätzen gelernt: die besonderen Arbeitsmöglichkeiten in Musikschulen, Schulen, Alteneinrichtungen und in der Kita. Es gibt da viele Übergangsbereiche, durch die dieser Beruf eine so unglaubliche Vielfalt hat und die Chance groß ist, dass viele das ihnen Gemäße finden.

Und dann denke ich natürlich an den Umbau des früheren Diplomstudiengangs in die Form des Masterstudiums, den ich vor sieben Jahren gestalten musste/durfte. Das kam ja von außen und natürlich dachte auch ich erst, dass nun alles enger, formaler und unfreier würde. Das war zwar auch so, aber ich habe dann auch neue Spielräume entdecken können:  Die festen Studiengruppen, die es in Münster früher nicht gab, die menschlich und gruppendynamisch sehr spannend waren, die Konzentration in der Lehre, die verbesserte Integration der medizinischen Ausbildungsanteile, die Kontinuität der Entwicklung über zwei volle Studienjahre. Manche neuen Spielräume konnte ich bei der Konstruktion des neuen Modells auch selbst schaffen, etwa die angemesseneren Prüfungsformen, die ich mir ausdenken durfte. Also z.B. die Falldarstellung und das Improvisationskonzert. Andere Spielräume schaffen sich die Studierenden auch selbst, indem sie z.B. ihre Masterarbeit deutlich später verfassen, was ja zum Glück erlaubt ist, dann oft schon arbeiten und so doch auch sehr eigene Übergänge finden.

2004 haben Sie die Kontaktstelle „Musik bis ins hohe Alter“ an der WWU gegründet und in der Weiterbildung der Musikgeragogik der Fachhochschule Münster mitgearbeitet. 2009 sind Sie zur Mitbegründerin der „Gesellschaft für Musikgeragogik“, ebenfalls in Münster, geworden. Was genau hat Sie zur Beschäftigung mit diesem Thema bewegt?

RT: Mein Interesse hatte zum einen persönliche Gründe in der eigenen Familie, zum anderen lernte ich Ende der 1990er Jahre Hans Hermann Wickel kennen, der an der Fachhochschule in Münster das Fach Musik in der Sozialen Arbeit betreute.  Wir erprobten ein gemeinsames Seminar zur Musik und Musiktherapie mit alten Menschen, welches in beide Studienpläne integriert war. Das war zwar nicht direkt verboten, wurde aber schon komisch beäugt, weil es Kooperationen zwischen Uni und Fachhochschule sonst kaum gab. Das klappte jedoch gut und war sehr anregend, auch durch die Unterschiedlichkeit der Studierenden. Als dritte Gruppe besuchten übrigens auch Studierende des Studiums im Alter diese Seminare.

2001 veranstalteten wir eine erste gemeinsame Tagung, aus der dann das Buch „Musik bis ins hohe Alter“ entstand.  Einige meiner Studierenden hatten parallel die Arbeit mit alten Menschen ins Zentrum gerückt, gründeten das Unternehmen „Musik auf Rädern“ und es entstand ein bundesweites Netzwerk von MusiktherapeutInnen, die mit alten Menschen arbeiten. Parallel entwickelte Hans Hermann Wickel mit weiteren Kollegen die Weiterbildung in Musikgeragogik, die ich in kleinem Umfang weiter mit begleite. Ich selbst konnte dann später für drei Jahre das Thema der Musik im Alter als Fachbeisitzerin auch im Landesmusikrat NRW bekannter machen.

Darüber hinaus sind Sie in einer weiteren selbstgegründeten Initiative aktiv, die sich für die Jüngsten unserer Gesellschaft engagiert: Mit „Uni für Unicef“ unterstützen Sie gemeinsam mit Ihren Studierenden Projekte des Kinderhilfswerks. Wie kam es dazu und was bereitet Ihnen daran am meisten Freude?

RT: Unicef liegt mir schon lange am Herzen und ich dachte, dass man mit Konzerten an der Uni auf sehr vergnügliche Art Geld für Unicef-Projekte zusammenbringen könnte. So entstand, vor allem durch die Musikkolleginnen und -kollegen des Instituts und der Musikhochschule, eine lockere Reihe sehr unterschiedlicher Konzerte, bei denen für Unicef gesammelt wurde. Viele machten mit: das Studentenorchester, Chöre, einzelne Kolleginnen und Kollegen oder wir spielten Straßenmusik in der Stadt Münster. Schön ist dabei die Zusammenarbeit mit der Unicef-Gruppe Münster, mit der wir oft auch einzelne Unicef-Projekte auswählten, um es konkreter zu machen. Und es gab einfach auch tolle Konzerte und die Studierenden engagieren sich immer alle sehr gerne. Das ist auch schön zu erleben. Kann ich zur Nachahmung sehr empfehlen!

Gründerin des Instituts für Musiktherapie und Morphologie, Studiengangleitung Musiktherapie in Münster, Die Gesellschaft für Musikgeragorik, Uni für Unicef … – es ist wirklich erstaunlich, in wie vielen Bereichen und Initiativen Sie sich engagieren! Im Sommer steht nun Ihr Ruhestand bevor – werden Sie es nun tatsächlich ruhiger angehen? Was wünschen Sie sich für die vor Ihnen liegende Zeit? Und was für den Fachbereich Musiktherapie?

RT: O je, diese Frage habe ich befürchtet. Ich muss nämlich leider sagen, dass ich dafür noch keinen wirklichen Plan habe. Ich freue mich, dass ich einen sanften Übergang haben werde, weil ich mit meinen zwölf DoktorandInnen sicherlich noch recht lange auf eine nicht mehr so arbeitsintensive, dafür aber anregende und angenehme Art eingebunden sein werde. Ansonsten bin ich persönlich noch nicht so wirklich entschieden, ob ich Musiktherapeutisches weiter betreiben oder wieder aufgreifen möchte, etwa in den eigenen Praxisräumen bei uns im Haus oder ob ich eher etwas Neues beginnen möchte. Also eher: Mal seh’n, was da noch einmal entstehen will oder ob es tatsächlich einfach ruhiger werden will. Was auch keine schlechte Vorstellung ist.

Für die Musiktherapie gibt es allerdings schon einen großen Wunsch, der sich eigentlich an „meine“ Landesregierung richtet, dass es nämlich in NRW wieder eine reguläre und kostenfreie Möglichkeit geben sollte, Musiktherapie zu studieren. Dass es das im bevölkerungsreichsten Land der Bundesrepublik nicht mehr geben wird, empfinde ich angesichts des steigenden Bedarf und des Engagements von Seiten der Studierenden als skandalös. Am besten fände ich einen Bachelor plus Master, so wie in anderen Studiengängen auch. Auch wenn die Studierenden der Musiktherapie oft sehr besondere Menschen sind, so sollte es doch nach so vielen Jahren der Musiktherapie auf etwas „normaleren“ Wegen möglich sein, für diesen wunderbaren Beruf ausgebildet zu werden.