Prof. Jürgen Kalcher war von 1991 bis 2016 Gesellschafter unserer Stiftung. Seit diesem Jahr engagiert er sich als Ehrenmitglied in unserer Stiftung. Wir sprechen mit ihm u.a. über seine eindrucksvollsten Stiftungserfahrungen, seine tiefe Freundschaft zu unserem Stifter Prof. Hellmut Kind und seine Faszination für die Arbeit mit Masken. 

Lieber Jürgen, du bist quasi „Stiftungsmann“ der ersten Stunde: Bereits zwei Jahre nach der Gründung im Jahr 1989 hast du dein Amt als Gesellschafter aufgenommen und so die Anfänge der Kind Stiftung hautnah miterlebt. Welches ist deine eindrucksvollste Erinnerung in all den Jahren Stiftungsarbeit?

JK: Es sind ganz unterschiedliche Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke, eine unendliche Fülle. Was soll ich da herausgreifen? Vor allem habe ich interessante Menschen kennengelernt, aber auch Projekte, Theorien und Beispiele aus der musiktherapeutischen und heilpädagogischen Arbeit, die mich oft mit Erstaunen erfüllten. Ich erhielt dadurch einen Einblick in die Musiktherapieszene, die mir bis dahin gänzlich unbekannt war und ich merkte auch, dass die psychologische oder heilpädagogische Arbeit mit Hilfe eines Mediums, hier der Musik, ganz ähnliche Elemente enthält wie meine eigene Arbeit mit Masken. Dass dieses Tun immer von jenem Götterfunken „Freude“ getragen war und ist, verbindet alle, die daran Anteil haben, ganz gleich ob als Bewerber, als Stipendiat, als Gesellschafter oder Beirat, als Experte oder Laie. Wie anders könnte Förderung auch gelingen?!

Wenn es allerdings eines gibt, was sich aus dem Meer der Erinnerungen besonders eindringlich hervorhebt, dann ist es die unnachahmliche Art von Hellmut Kind, Förderung nicht nur finanziell, sondern ganzheitlich zu gestalten. Ganz persönlich hat er viele Stipendiaten auch dann begleitet, wenn ihre Anträge in der vorgelegten Form abgelehnt wurden; oft weil sie aus Unerfahrenheit viel zu umfassend waren, weil sie zu ungenau und oberflächlich formuliert waren, weil sie die vorhandenen finanziellen Mittel überstiegen oder aus anderen oft ganz individuellen Gründen. Immer hat er in Einzelgesprächen konstruktive Kritik begründet, aufgezeigt, wo die Fehler liegen und vor allem Mut gemacht, einen neuen Anlauf zu versuchen. So war die Ablehnung eines Antrags nie eine Ablehnung des Antragstellers als Person. So mancher ist daher in einem nächsten Versuch erfolgreich gewesen und hat schließlich einen eindrucksvollen Schlussbericht vorgelegt.

Und noch etwas: Andreas‘ Rolle bei den Stiftungstagen, die er meist mit einer kleinen Begrüßungsrede oder – unvergesslich – mit Trompetenschall eröffnete. Desgleichen manche Zwischenbemerkung, die er in einer Fachdiskussion machte und die denen Einsicht brachte, die ihn verstanden.

Deine Frau Gisela und du, ihr seid enge Freunde der Stifterfamilie Kind. Wie kam diese Verbindung zustande?

JK: Es war wohl 1950, da begegnete meine Frau Gisela, die im nördlichen Schwarzwald geboren und aufgewachsen ist, auf ihrem Schulweg mit der Bahn nach Wildbad einer jungen blonden Familie mit ihrer kleinen Tochter, die im Kinderwagen stand(!). Der Vater half Mutter und Kind beim Einsteigen in die Bahn, ging dann auf die andere Straßenseite, setzte sich auf sein Moped und fuhr über einige Kilometer neben der Bahn her. Man winkte sich lachend zu und traf sich dann wieder im Wildbader Bahnhof. Aber das war nur der Anfang unserer Kennenlerngeschichte. So ging sie weiter: Gisela und ich hatten 1962 geheiratet und waren nach Hamburg gezogen, wo ich, nach Sozialarbeiterausbildung und USA-Studienaufenthalt, Psychologie studierte. In einem Oberseminar bei Professor Bondy bemerkte ich damals einen Studenten, der besonders eifrig mitschrieb und offensichtlich deutlich über dem Durchschnittsalter der Teilnehmer einzuordnen war. Es war Hellmut Kind, der seine Funktion als Leiter des Kinderheims „Birkenhof“ aufgegeben hatte, jetzt in Hamburg in der Erziehungsberatung arbeitete und hier als Gasthörer seine Kenntnisse auffrischte.

Wieder waren Jahre vergangen. Wolfgang Bäuerle holte mich 1969 zunächst als Lehrbeauftragten, dann als Dozenten aus meiner Arbeit als Psychologe in der Hamburger Heimerziehung an die „Höhere Fachschule“ für die Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen. Einer meiner neuen Fachkollegen war – Hellmut Kind. Wir freundeten uns „nichtsahnend“ an und als er mit seiner Familie dann nach Ohlstedt zog, wurden wir quasi Nachbarn. Wir trafen uns gelegentlich und bald regelmäßig, nämlich zu wöchentlichen Saunagängen im Hause Kind mit Hellmut und Gubille, wie wir seine Frau Gabriele bald nennen durften. Wir vertieften unsere Freundschaft durch lange und engagierte Gespräche nach der Sauna bei Speise und Trank und kamen dabei dann auch auf Familiengeschichten zu sprechen. Dabei war es Andreas, dem eines Abends einfiel, dass doch so viele Fotos da wären, die wir noch nie gemeinsam angeschaut hätten. Durch diese Bilder erfuhren wir dann, dass Hellmut und Gubille mit ihrer ersten Tochter Brigida im Enztal, nahe Wildbad, Urlaub gemacht hatten, als Brigida im ersten Lebensjahr war. An die Fahrt mit dem Zug von Calmbach nach Wildbad erinnerten sie sich noch sehr genau. Bei meiner Frau, die damals ja Schülerin war, hatte die Begegnung einen bleibenden Eindruck hinterlassen, „solche Eltern will ich auch mal werden“ hatte sie damals zu ihrer Mutter gesagt, die darauf ein wenig befremdet schien, wie Gisela erzählte.

Beruflich hast du lange Zeit als Professor für Psychologie und Methodenlehre an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) im Fachbereich Sozialpädagogik gearbeitet. Welche Themen bzw. Aspekte haben dich an dieser Tätigkeit ganz besonders interessiert?

JK: Als Hellmut Kind und ich um 1970 unsere Lehrtätigkeit begannen, waren wir an der „Höheren Fachschule für Sozialpädagogik“ Dozenten. Das sogenannte „Sozipä“ war damals noch in der ehemaligen (und inzwischen restituierten) „Talmud-Thora-Schule“ im Grindelhof untergebracht. Erst im Zuge des weiteren Ausbaus der Sozialarbeiterausbildung zur „Fachhochschule (FH)“ und schließlich zur „Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW)“ wurden wir (1980) zu Professoren berufen.

Als Sozialarbeiter und Psychologe lehrte ich in beiden Bereichen und bevorzugte solche Seminarformen, in denen ich Psychologie mit sozialpädaogischen/sozialarbeiterischen und Sozialarbeit mit psychologischen Aspekten kombinieren und anreichern konnte. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Soziale Gruppenarbeit, in der ich die praktischen Erfahrungen über Jahre hinweg im „Hansischen Jugendbund“ sammeln konnte und die ich z.B. in Fallseminaren durch Wissensanteile aus der Sozialpsychologie (Psychologie der Gruppe) zu untermauern und verständlicher zu machen versuchte. Natürlich hatte ich auch Theorieseminare zu geben. Anfangs war es vor allem Entwicklungspsychologie, später etwa Kommunikationstheorien, Sozialpsychologie oder systemtheoretische Grundlagen der Sozialen Arbeit. Durchgängig dann andererseits auch „Methoden Sozialer Arbeit“, „Gesprächsführung in der Sozialarbeit“ und anderes, wie z.B. zu Fremdheit und interkulturellen Aspekten sozialpädagogischer Arbeit.

Im Zuge jener zeitentsprechend starken Politisierung und Soziologisierung der Lehr- und Lerninhalte unseres Fachgebietes in den Achtundsechzigern und Folgenden wurde das Curriculum nicht mehr nach „Methoden“ und „Arbeitsformen“, sondern nach „Arbeitsgebieten“ gegliedert. Dabei verloren die traditionellen Methoden der Sozialen Arbeit (Einzelhilfe in der Sozialarbeit, Soziale Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit) an Gewicht. Ich übernahm zunächst das Gebiet „Strafvollzug“, nach einiger Zeit dann für viele Jahre „Heimerziehung“. In diesen Arbeitsgebieten führte ich lange Zeit Theorie-Praxis-Seminare durch, die eine intensive Arbeit mit einer relativ kleinen Gruppe von Studierenden kontinuierlich über drei Semester ermöglichten.

In meiner Lehrtätigkeit kamen mir einerseits meine Orientierung an der Sozialarbeit zugute, in der ich ja zunächst ausgebildet war und eigene Berufserfahrungen gesammelt hatte; andererseits aber auch meine einschlägigen professionellen Auslandserfahrungen in den USA und in Frankreich. Schon 1960 hatte ich in den USA an einem mehrmonatigen Programm für socialworker teilgenommen, das auch den Anstoß zum Zweitstudium der Psychologie in Hamburg gab und zur Grundlage meiner weiteren sozialarbeiterischen Beziehungen, vor allem in der Sozialen Gruppenarbeit, wurde und bis heute blieb. 1990 erhielt ich im Rahmen des europäischen Erasmus-Programms einen Lehrauftrag an der Universität in Paris (St. Denis) der mich für ein halbes Jahr in die französische Hauptstadt führte.

Auch künstlerisch warst und bist du sehr aktiv. Du bist leidenschaftlicher Maskenbildner und arbeitest ebenfalls auf soziokultureller Ebene mit Masken. Wie genau sieht diese Form von Arbeit aus?

JK: Lass mich anmerken, dass ich ja kein „Maskenbildner“ bin, der vor allem in der Theaterwelt auf kosmetischem Wege aus Gesichtern Masken macht. Ich habe mich dem Maskenthema auf zwei verschiedenen Wegen genähert.

Der erste Weg geht von meiner Tätigkeit im Fachbereich Sozialpädagogik aus. Da fragte mich mein Kollege Otto Lüdemann, ob ich an einem Projekt teilnehmen wolle, das er mit Studierenden über mehrere Tage zum Thema Masken in einer Tagungsstätte in der Lüneburger Heide durchzuführen gedenkt. Sein erziehungswissenschaftlich orientiertes Seminar behandelte die Rolle von pädagogischen Medien in der Sozialpädagogik. Mit von der Partie war ein italienischer Kollege, Natale Panaro, der viel mit dem Fernsehen gearbeitet und unter anderem auch Masken angefertigt hatte. Mit ihm lernten wir, Masken aus schwarzem Karton zu fertigen und damit zu spielen, sie zu präsentieren und die Umgebung märchenhaft zu gestalten. Diese Erfahrung war so ganz anders als meine Lehre auf wissenschaftlicher Grundlage. Das Lernen lief ganz anders, Studentinnen und Studenten waren überaus aktiv und kreativ und dauerhaft motiviert. Wir lernten alle miteinander. Damit hatte sich für mich eine andere Welt eröffnet, die mir allerdings gar nicht fremd war, sondern an etwas anknüpfte, was vor meinem Eintritt in die Hochschulkarriere eine meiner stärksten Seiten war. Ich war also sozusagen infiziert vom Virus medialen Lernens und Lehrens und fuhr fortan zweigleisig. In den folgenden Semestern gestalteten wir zusammen weitere Seminare zum Maskenthema, die dann auch in Italien und in Frankreich und später in Schottland, Norwegen und anderen Ländern stattfanden. Die Themen „Fremdheit“ und „Interkulturalität“ rückten dabei in den Vordergrund, wobei „Masken“ ja auch darin eine wichtige Bedeutung hatten. Von den Masken aus schwarzem Karton, waren wir längst übergegangen zum Bau von Masken aus Pappe auf einem Kern aus Ton oder zu anderen Techniken wie etwa mit Hilfe von Gipsabdrücken vom eigenen Gesicht.

Mein Freund Otto Lüdemann und ich haben über deutlich mehr als 20 Jahre meist mehrtägige Seminare durchgeführt, in denen nicht nur die Teilnehmer jeweils eine individuelle Maske bauten, sondern in denen wir mit Hilfe von meditativen Techniken, kreativem Schreiben und Musik das Maskenthema bewegt und auch spielerisch belebt haben. Wir gingen dabei von einem Ansatz aus, den wir als gruppenpädagogisch identifizierten.

Der zweite Weg begann nach meiner Pensionierung. Dienten die Masken bisher stets einem sozialpädagogischen Zweck, so entwickelte ich mehr und mehr ein Bedürfnis nach künstlerischer Gestaltung und zugleich meldete sich meine alte Liebe zum Werkstoff Holz wieder und drängte nach Verwirklichung. Ich hatte bis zu meinem etwa 20. Lebensjahr mit viel Lust Figuren aus Holz geschnitzt. Während meines Berufslebens jedoch hatte ich dieses Hobby nicht mehr betrieben. Übrig geblieben war aber der Traum von einer eigenen Schnitzwerkstatt und dem Gestalten von Holz. Als dann eines Tages mein Öltank überflüssig wurde und aus dem Haus kam, ergriff ich die Gelegenheit, diesen Traum endlich umzusetzen. Das Maskenthema erfuhr nun eine Fortsetzung in Holz.

Leider hat meine Leidenschaft in der letzten Zeit eine gewisse Einbuße erlitten, so dass ich in den letzten beiden Jahren nicht viel Neues geschnitzt habe. Das hängt wohl altersmäßig mit den nicht mehr so üppigen Körperkräften zusammen. Allerdings war es mir eine besondere Freude, dass ich im Juni dieses Jahres noch mal ein dreitägiges Maskenseminar In Litauen, in Zusammenarbeit mit der Universität Kaunas, dem Berufsverband der social group worker und Otto Lüdemann unter optimalen Bedingungen durchführen konnte.

Weihnachten und Silvester stehen vor der Tür. Hast du schon Pläne für das kommende Jahr geschmiedet?

JK: Das einzige Ereignis, das bisher zum Planen bereitsteht, ist die Groupworker-Konferenz, die im kommenden Juni in Südafrika stattfindet; aber erstmal werden wir die Weihnachtszeit genießen, dann sehen wir weiter.

Ich wünsche allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen gesundes, glückliches 2018.

Ganz herzlichen Dank für das Interview, lieber Jürgen!