Zeitgleich zu unserem Aufruf zur Einsendung von Zuschriften über heilpädagogische und musiktherapeutische Flüchtlingsprojekte im September 2015 – auf die wir im Folgenden eingehen – hat auch der Deutsche Musikrat unter dem Motto „Willkommen in Deutschland. Musik macht Heimat“ eine Umfrage gestartet, um Form und Umfang der musikalischen Aktivitäten abzubilden und an Politik und Medien zu vermitteln. In unserem gemeinsamen Anliegen, bürgerschaftliches Engagement sichtbar zu machen und zu weiterem Engagement zu ermutigen, ist eine Kooperation unserer Stiftung mit dem Deutschen Musikrat entstanden: Wir bitten Sie darum, sich mit Ihren Projekten an der Umfrage des Deutschen Musikrats zu beteiligen. So kann die Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen effektiv eingefordert werden.

Projektvorstellungen

Britta Boymanns, Musiktherapeutin des Nordoff/Robbins-Zentrum in Witten, hat diesen Herbst zum ersten Mal mit einem Flüchtlingsehepaar zusammengearbeitet. Die gemeinsamen Sitzungen waren geprägt von viel Musik und Gesang in zwei Sprachen. Schon nach kurzer Zeit berichtete das Paar, das u.a. an posttraumatischen Belastungsstörungen litt, von einer deutlichen emotionalen Entlastung und abnehmenden körperlichen Symptomen: „Für mich ist es eine spannende Herausforderung, musiktherapeutisch die kulturellen Unterschiede zu überwinden. Die große Herzenskraft dieser beiden Menschen bewegt und bereichert mich zutiefst“, erzählt Britta Boymanns.

Patricia Braak blickt in ihrer musiktherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen auf 15 Jahre Erfahrung zurück. Seit 2004 ist sie am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin tätig, wo sie mit geflohenen Menschen aus unterschiedlichsten Kultur- und Sprachregionen zusammenarbeitet. Warum Musiktherapie hier auf besondere Art helfen kann? „Die musiktherapeutische Arbeit schafft einen geschützten Raum zur Beziehungsgestaltung, um Vertrauen wieder aufzubauen. Zudem vermag die gemeinsam gestaltete Musik eine Brücke zur Kultur und Tradition der Patienten aufzubauen“, erklärt Patricia Braak.

Besonderes Engagement für Flüchtlingskinder, die behindert oder von Behinderung bedroht sind, zeigt die interdisziplinäre Frühförderstelle des Haus Mignon, Hamburg. Seit 40 Jahren werden hier Kinder mit (drohender) Behinderung bis zum Eintritt in die Schule heilpädagogisch betreut. Darunter sind immer häufiger Flüchtlingskinder, die aufgrund eines nicht anerkannten Aufenthaltsstatus keinen gesetzlichen Anspruch auf Frühförderung haben. Für die Familien dieser Kinder sucht die Benita Quadflieg Stiftung – die Förderstiftung des Haus Mignon –  finanzielle Unterstützer: „Durch eine rechtzeitige Förderung können Spätfolgen vermindert werden. Was in der frühen Kindheit versäumt wird, ist später kaum oder nur sehr schwer noch aufzuholen. Mit Hilfe der begleitenden Beratung lernen die Familien zudem, ihre Ressourcen zu erkennen und in die Aufgabe, ein behindertes Kind zu haben, hineinzuwachsen“, erläutert Stefanie Tapella. Bei Interesse schreiben Sie bitte eine Mail an tapella@benita-quadflieg-stiftung.de.

Von Vertrauen und Offenheit durch Musik berichtet auch die Musikpädagogin Ingrid Gerbl. Seit einem Jahr bietet sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Sylvia Schäfer (Rhytmustrainerin und Musikerin) das Musikintegrationsprojekt „Musik ohne Grenzen“ in Velden und im Landkreis Landshut an – ein gemeinsames Singen, Musizieren sowie Trommeln von Drumcircle für alle Interessierten. Durch die musikalische Begegnung werden Ängste abgebaut und Einheimische und Asylbewerber lernen sich ohne Vorbehalte kennen. Mehr Infos finden Sie auf hier.

Die beiden Musiktherapiestudentinnen der Musikuniversität Wien, Anna Graf und Maria-Magdalena Kuchling, haben diesen Sommer im Rahmen eines Offenen Ateliers im Essl Museum Klosterneuburg eine musikalische Gruppe für Flüchtlinge angeboten, um insbesondere das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Da die Gruppe gut angenommen wurde, ist aus dem Projekt eine weitere Zusammenarbeit (etwa 1x monatlich) gewachsen.

Um die zunehmende Anzahl an Migrations- und Flüchtlingskindern erfolgreich zu fördern und zu integrieren, bietet die Kindertagesstätte des Behindertenverbands Dessau e.V. seit September 2015 eine musiktherapeutische Migrationsgruppe für Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren an. In der Kleingruppe unter der Leitung von Musiktherapeutin Donata Nebelung wird den Kindern Raum gegeben, die deutsche Sprache über Musik, Tänze, Reime und Lieder zu unterschiedlichen Themen wie Zahlen, Farben, Jahreszeiten etc. spielerisch zu erlernen.

Für Kinder zwischen fünf und sieben Jahren werden die Musiktherapeutinnen Dr. Barbara Keller und Cornelia Klären im kommenden Jahr das musiktherapeutische Pilotprojekt „Durch Musik zur Sprache“ in einem Münsteraner Stadtteilzentrum starten. Das Projekt wurde 2010 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster entwickelt. Zunächst wird eine Gruppe mit sechs sprachförderbedürftigen Flüchtlingskindern ehrenamtlich angeboten.